Bagger, Bauern und Bruderherz

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    Lauenbrück. Atlas von der Wehl: vom Gründer geprägt, von Vertrauen beseelt. Vielleicht auch deshalb diese Montur an den Füßen. Reinhard von der Wehl trägt Turnschuhe an diesem Morgen, beige-braune und halb-hoch. Und er geht nicht im Schongang über den riesigen, schon mächtig wirkenden Werkshof, um sich mit seinen technischen Mitarbeitern zu besprechen, wie und wo an welcher Schraube des umfangreichen Unternehmen-Equipments heute noch gedreht werden muss, um diesen oder jenen Auftrag kundengerecht zu disponieren. Nein, der Chef bewegt seine Extremitäten auch im Laufschritt marsch, wenn es sein muss. Muss es wohl. Platz für seine sportliche Attitüde hat er hier beileibe reichlich: auf 60.000 Quadratmeter Fläche, die, am Ortsrand Lauenbrücks, von der Firma Atlas von der Wehl genutzt werden, ist läuferischer Aktionismus zwar nicht gang und gäbe, so wie es aussieht, aber bitteschön, für Chefs gelten vielfach andere Regeln. 

    Foto: Mark Intelmann

    Apropos Aktionismus: Von diesem Chef hier, dem Jüngeren der Beiden, ist unternehmerischer Freigeist in allen Facetten zu erleben. Reinhard von der Wehl verkörpert die Doktrin der väterlichen Unternehmens-Philosophie – „Lust und Leistung“ – spürbar nachhaltig. Mehr noch: Er scheint durchdrungen zu sein, ja, gewiss auch von Ehrgeiz und Pflichterfüllung, aber mehr noch von diesem ordnungs-politischem Unternehmer-Dasein, diesem beharrlich-stimmulierendem Geist, nachdem alles, was zu tun, was notwendig ist, was Abläufe in wirtschaftlichen Prozessen verlässlich und mithin erfolgreich macht, das all dies in klaren, geraden Bahnen verlaufen muss. Da ist das väterliche Erbe in ihm persönlich spürbar nah. Dieser Vater, Burghard von der Wehl, war wohl so etwas wie ein Hero: umtriebig, willens zu mehr, entschlossen zu handeln. Der Weg ist das Ziel. Ein Zeitgeist von Format: fordernd und fördernd. Ein Pionier auf alle Fälle, wie so manche Aktivisten, die dem Krieg entkamen, die nach 1945 dem Elend entstiegen und die neue Zeit unternehmerisch gestalteten. „Wenn Sie meinen Vater als einen Pionier bezeichnen wollen, so empfinde ich das als ein Lob“, betont der 66-jährige, der gemeinsam mit seinem Bruder Hermann (68) die Unternehmensgruppe heute lenkt. Als was soll man den Senior auch sonst bezeichnen? Ihn, der mit 14 Jahren daheim in Stade seine sieben Sachen packte und via Fahrrad bei Verwandten in Lauenbrück aufschlug, in einer Ziegelei das Baggerfahren lernte, den Lehm von A nach B beförderte und hier wohl den Entschluss fasste, seinen beruflichen Beitrag fortan in der Modernisierung der Landwirtschaft einzubringen. In einem Rotenburger Betrieb hatte er dazu Gelegenheit.

    Gelegentlich, ab Mitte der Fünfziger-Jahre, trieb es von der Wehl auch in ein Haus nach Delmenhorst, wo Hermann-Hinrich Weyhausen seine Atlas-Firmengeschichte mit Bagger und Krane längst eingeläutet und schon weithin zu blühender Geltung für Landwirtschaft und Gewerbe gebracht hatte. Als Burghard von der Wehl Jahre später, Mitte der Sechziger, das Selbständig-sein avisierte, aber noch wankte, fragte er den „Alten“ aus Del- menhorst, und dieser schmetterte zurück: „Na klar, ich hab` das Geld, und Du kannst arbeiten“! Ein Witz? Nein, die Lösung. Der Anfang. 200 Mitarbeiter sind daraus geworden, 70 Millionen Euro Jahresumsatz und Unternehmens-Dependancen in Kiel und Hamburg. Eine skurrile Welt, wandelt man über das reichlich maschinell bestückte Betriebsgelände in Lauenbrück. Bagger in gebraucht und neu, in haushoher Ausführung und mit allerlei komplementären Geräten, zumeist Schaufeln in vielerlei Größen, ausgestattet. Gegenüber der endlos langen Reihe sind Schaufelradlader in ebenso facettenreicher Ausprägung postiert. Die Firma verkauft nicht nur, sondern verleiht gleichermaßen oft und reichlich diese Armada an stählerner Kraft und Energie. „Dieser hier“ sagte Hermann von der Wehl, „dieser hat 150 PS mit sechs Zylindern.“ Das monströse Werk kostet die Kleinigkeit von 150.000 Euro, arbeitet dafür aber lang und beschwerdefrei. Eben ein Atlas, die Marke nach Maß und Farbe. Überall leuchtet hier das Orange, so, als hätte eine holländische Fußball-Truppe hier mit Fahnen und anderen Fan-Utensilien Position bezogen: Orange made in Lauenbrück!

    Foto: Mark Intelmann

    Atlas ist überall! Gebaggert wird schließlich auch in München, Dresden oder Lörrach. Doch längst nicht an allen Orten dürfen die von der Wehls ihre Kundenklientel buchstäblich anbaggern. Eine Gebietsregulierung der Atlas-Gruppe sorgt für klare Fronten. Schleswig-Holstein von oben bis unten, Hamburg, na klar, der Norden Niedersachsens, von Uelzen rüber bis an die Stadtgrenze von Bremen. Damit ist das Spielfeld markiert. Und der, der in Ulm Platz via Gräben für Rohrleitungen schaffen will – leiht, kauft der auch in Lauenbrück seinen Atlas? Reinhard von der Wehl unmissverständlich: „Nein, wir haben Anstand!“ Was soviel heißen soll: In fremden Gewässern fischt man nicht. Und mit der Wende 1989 kam der Osten dazu. Der Bauboom im Osten war grenzenlos und bei Atlas von der Wehl in Lauenbrück explodierte der Cash flow förmlich. Die orangefarbenen Bagger rollten en masse über die Elbe. Es klingelte im Karton. „Natürlich haben wir gut verdient, aber die waren da drüben auch froh, dass sie unsere Maschinen hatten“. Ab 1995 war die Herrlichkeit vorbei. Der „Export“, wie er es nennt, „verlor um 50 Prozent“ und kam „nicht wieder in Gang“. Heute gelten andere Regeln.

    Mit seinen 4000 Kunden scheint von der Wehl aber keine Kopfschmerzen zu haben. Die Menge stimmt, der Umgang auch, wenngleich ihn, den Macher, den Ceo vom Ganzen, die ein oder andere gesellschaftliche Anekdote auf die berühmte Palme bringt. Er redet, Bruder Hermann hört geduldig zu. Der Ältere ist so schweigsam – zunächst jedenfalls, später, beim Foto-Shooting draußen, wird er munterer – wie der Flur zum Gesprächszimmer lang ist. Davor Glas ohne Ende. Jeder Raum gewissermaßen wie ein offenes Fenster. Die von der Wehls präferieren offenbar Transparenz, lieben und leben Durchblick. Diesen lässt Reinhard, der Jüngere, verbal satt vom Stapel. Auch oder gerade das: „Seit der Wende ist hier kein Mitarbeiter mehr entlassen worden.“ Neue Mitarbeiter, Auszubildende, sind ihm wichtig. 36 sind`s derzeit in vier Berufen. Wie überhaupt: Dass ihre Crew viel weiß, Wissen hat, die neueste Technik eins-A beherrscht, hat in Lauenbrück Priorität. Sonderliche Schulungen sind daher noch immer gang und gäbe, seitdem der Firmengründer dieses Edikt nachhaltig postulierte.

    Foto: Mark Intelmann

    Offenkundig ist Grundsätzliches hängengeblieben, ist manifestiert. Das vor allem. Reinhard von der Wehl: „Unserem Vater war es entschieden wichtig, dass zwischen dem Verkäufer und dem einzelnen Kunden uneingeschränkt Vertrauen existiert.“ Im Klartext: Die Abläufe müssen klar geregelt sein und ablaufen. Wieder von der Wehl: „Hier bei uns werden Sie ein Stück Papier nicht finden: einen Kaufvertrag“. Wie geht das denn? „Es geht so, das eine schriftliche Bestätigung ausreicht!“ Der gute alte Handschlag hat die Zeiten offensichtlich überlebt. Im Hause von der Wehl ziert das ein Stück Firmenkultur: Vertrauen first! Und der Boss lässt auch sonst nichts anbrennen. Keine Mahnung verlässt das Büro, die er nicht kennt, nicht unterschreibt. Alle drei Wochen eine strenge Prozedur. „Ich kenne“, holt er aus, „zwar nicht mehr alle Kunden, die pünktlich bezahlen. Aber jede Mahnung überprüfe ich!“ Ergo: Er will nicht, das eine solche unberechtigt beim Adressaten landet. Gescheit.
    Konsequent war wohl auch, dass Bruder Hermann sein von ihm Ende der siebziger Jahre geschaffenes Unternehmen Marke Fahrzeugbau beizeiten mit der Verkaufsorganisation der Atlas- Baumaschinen (1985) verschmolzen hat. Synergien schaffen. Baumaschinen, Bagger und Krane, im betrieblichen Kontext mit Fahrzeugbau stellen eine einzigartige Verknüpfung in der Atlas-Familie hierzulande dar und werden gleichsam von Kunden und Lieferanten ergebnisorientiert wahrgenommen. Letztere werden – analog der Kaufklientel – nicht minder mit Glaceehandschuhen behandelt. Reinhard von der Wehl bringt es auf den Punkt: „Wenn unser Buchhalter am Freitag ins Wochenende geht, ist keine Rechnung mehr offen!“ Der Lieferant als Partner, den man auf keinen Fall loswerden will.

    Loseisen wollen die beiden Brüder im Rentenalter sich auch noch nicht aus ihren operativen Aufgaben, wenngleich Florian (41) – er lenkt die GmbH in Kiel – parat steht in Lauenbrück auf die Brücke zu treten. Es scheint, als wären die weißen und grauen Haare der Alten noch nicht weiß genug und dem Nachwuchs fehle noch der letzte gewünschte Drive, wenngleich Reinhard von der Wehl „von den Dingen“ seines Sohnes „überzeugt“ ist. Sagt er jedenfalls. Als er, mit 19 ging und nach zehn Berliner- und Münchener Lehrjahren 1981 in die heimatlichen Gefilde zurückkehrte, seien 22 Mitarbeiter in der Firma gewesen. Dann macht Sohn Florian aus heute 200 eben 300 oder 400 in einigen Jahren. Der Chef: „Nein, wir haben hier keine Hegemonie-Bestrebungen“. Besser wohl für ihn, der einen Herzinfarkt überstand, mithin wöchentlich nunmehr 60 statt vormals 80 Stunden mit Atlas verbringt, um sechs Uhr früh seinen Schreibtisch grüßt, der liebend gerne Boot fährt, „weil ich das nicht alleine machen muss“, und sich jede Menge Sportliches einverleibt: Schwimmen, Tischtennis, Tennis, radelt und „Pillen schluckt“. Letztere schluckt er insbesondere auch, wenn er an die politischen Großkopferten in Berlin denkt, an Insolvenz-Recht, Gesetze und Gewerkschaften. Dann kommt er rhetorisch auf Touren, schimpft förmlich wie ein Rohrspatz auf die da im alten Reichstag. „Rechtsanwälte und Lehrer sitzen da und machen Gesetze, von denen wir reichlich wenig haben.“ In Schweden, da gebe es eine „schwarze Liste“, wonach keiner mehr einen Kredit bekomme, wenn er nicht fit wäre. „Unser System hier ist krank“, haut er lautstark auf den Tisch um dann im Nu zumindest mit sich selbst quasi gnädig zu sein. „Ich kann noch gut mit meiner Nase über die Kante gucken!“

    Wie schön für ihn und für`s Geschäft, zumal auch die Landwirtschaft ein Revival feiert – mit dem Bauernlader fing vor 50 Jahren alles an! – und die von der Wehls wieder frohlocken lässt. In Tarmstedt am Messestand stehen die Bauern wieder auf der Matte und in ihrem Biogas-Programm benötigten diese möglichst große Bagger. Reinhard von der Wehl: „Landwirte werden mehr und mehr zu Gewerbetreibenden, die keine alten Maschinen kaufen.“ Welche denn? „Die, die funktionieren!“ Bruderherz Hermann funktioniert auch, auch gleichsam, was den Wehlhof in Lauenbrück betrifft. Darum kümmert er sich leidenschaftlich. Das Kleinod in der Nähe der Ziegelteiche, das sein Vater akribisch, mit Herz und Seele aufbaute und betrieb, soll der Allgemeinheit Freude bringen. Auch ohne Schafe, aber mit Kunst und für Kommunikation.

    Hans Richelshagen
    Hans Richelshagen
    Artikel von Hans Richelshagen erschienen von 2017 bis 2018 in der STARK.
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