Blaues Wunder – Heimatmuseum Scheeßel

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    Scheeßel. „Unser Herz schlägt für Blaudruck“, sagen Annerose Rathjen und Ilse Riebesell mit Nachdruck. Und Blau sei schon immer ihre Lieblingsfarbe gewesen. Von daher ist das Ehrenamt im Blaudruckspeicher des Scheeßeler Heimatmuseums auf beide passgenau zugeschnitten. Wie Ehrenamt fühlt es sich auf den ersten Blick aber nicht unbedingt an. Denn in der Saison wird zweimal pro Monat an den Färbesamstagen gedruckt, und dann ist das Team von morgens bis nachmittags im Blaudruckspeicher. Zu den regelmäßigen Druckzeiten kommen für Rathjen und Riebesell, die zu der acht Mitarbeiter starken Blaudruckabteilung gehören, auch noch Führungen durch die Blaudruckdauerausstellung und Werkstatt im Speicher des Heimatmuseums, Büroarbeit und jede Menge Netzwerken dazu. Das Färbeverfahren, das sich im 17. Jahrhundert durch die englischen und holländischen Kolonialmächte nach Deutschland ausbreitete, steht allerdings für die Scheeßelerinnen immer an erster Stelle.

    Zwei Werkstätten betrieben gewerbsmäßig in Scheeßel das Handwerk der Blaudruckerei. Heinrich Müllers Färberei und Blaudruckerei schloss als letzte 1950 ihre Tore. Anfang der 1970er Jahre erweckte dann der Heimatverein „Niedersachsen“ Scheeßel die Kunst der Blaudruckerei wieder zum Leben, erwarb dazu fast vollständig das Inventar der ehemaligen Scheeßeler Blaudruckerei Heinrich Müller und lernte von Alfons Friese, einem der letzten Gesellen der Scheeßeler Werkstatt, die Finessen des Handwerks. Das Heimatmuseum und seine Mitglieder hatten großes Glück bei Friese in die Geheimnisse des Handwerks eingeführt werden zu können und bei ihm lernen zu dürfen. Fast sechs Jahre arbeiteten sie mit ihm zusammen, erinnert sich Annerose Rathjen. 2018 ereilte das Museum dann die gute Nachricht, dass der Blaudruck als aufwendiger Handdruck mit Model, Schutzpapp und Färbung mit kalter Indigoküpe nun zum „Immateriellen Kulturerbe der Menschheit“ gehört. Die UNESCO unterstrich mit der Aufnahme in die Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit im November 2018 dessen große Bedeutung. Heute existieren in Deutschland nur noch zwölf Blaudruckwerkstätten, eine davon ist der Blaudruckspeicher des Scheeßeler Heimatmuseums. „Das ist ein Ritterschlag“, so Rathjen. Gemeinsam mit den Werkstätten in Jever und Einbeck schrieben die Scheeßeler in Absprache mit den anderen Werkstätten ihre Bewerbung für die nationale Auszeichnung und schickten sie nach Berlin. Es folgte die Bewerbung der deutschen Werkstätten um die Anerkennung als bundesweites Immaterielles Kulturerbe, das im Dezember 2016 zur großen Freude aller positiv beschieden wurde. Gemeinsam mit Österreich, der Slowakei, Tschechien und Ungarn bewarb sich Deutschland dann um die Auszeichnung des Blaudrucks als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit bei der UNESCO in Paris. Am 28. November 2018 wurde der Blaudruck von der UNESCO, als vierter Eintrag für Deutschland, in die repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

    Ihre Zertifizierung sei überwiegend Ruhm und Ehre, berge aber die Möglichkeit für Förderungen. Mithilfe solcher Förderung konnte ein Teil der Modeln restauriert und die Dauerausstellung eingerichtet werden. Mittlerweile haben auch junge Designer die jahrhundertealte Technik der Stoffveredelung für sich wiederentdeckt. Beispiele in der Dauerausstellung stellen eindrücklich unter Beweis, dass Blaudruck nicht altbacksch und altmodisch sein muss. In Scheeßel war die Blaudruckerei Lohndruckerei, für die die Kundinnen ihren eigenen Stoff in die Werkstatt brachten und anhand von Musterstücken ihren individuellen Druck bestimmten. Sie gingen mit der Färbemarke, die auch ihren Stoff kennzeichnete, nach Hause. Heinrich Müller sei schon zu seiner Zeit ein „Marketingexperte gewesen, der 100 verschiedene Decken in seinem Standardprogramm hatte und diese mit „Flyern“ bewarb. Die Scheeßeler Werkstatt lieferte schon damals deutschlandweit.

    Im ehemaligen Kornspeicher schlägt dem Besucher ein Geruch aus Haus, Farbe und Küpe entgegen. Ganz typisch für die Blaudruckerei, sagt Annerose Rathjen. Unten steht der große Bottich mit der „Farbe“, oben ist die Druckerei. Auf indigoblauen Regalen stehen hier etliche der historischen Modeln. Mit über 1200 hat der Heimatverein „Niedersachsen“ Scheeßel als Träger des Heimatmuseums eine der Top-3-Modelsammlungen im Elbe-Weser-Dreieck. Das sei ihr Kapital und das werde gut gesichert und temperiert aufbewahrt. Manche der aus Birnenholz handgeschnitzten Druckstöcke haben bereits 250 bis 270 Jahre auf dem Buckel. Bevor Birnholz verwendet wurde, so Rathjen, wurde von den Blaudruckern Buchsbaum- und Ahornholz verwendet. Um ein filigraneres Muster gestalten zu können, wurden später Messingstifte und -streifen zusätzlich zu den aus Holz ausgestochenen Mustern in die Modeln eingesetzt. Modeln neueren Datums ab 1900 besitzen nur noch einen hölzernen Körper, in den die handgefertigten Messingdekore eingelassen sind. Formstecher nannten sich die Handwerker, die die Messingdekore für Blaudruckmodeln aber auch für Dekore von Tapeten und Buchdruck herstellten. Heute, so die Scheeßelerin, gebe es nur noch drei professionelle Formstecher.
    Sie selber haben keine eigenen Motive für Modeln entworfen. Aufgrund des Formenreichtums ihres Bestands gebe es nichts, was ihnen fehle, sagen Rathjen und Riebesell voller Überzeugung. Ihr „Supermotiv“ sei der Granatapfel, der von dem Stader Formstecher Hinrich Daniel Meyer stammt. Gerne verwenden sie die vier Modeln für die von Heinrich Müller entworfene „Scheeßeler Decke“ mit Fachwerkhaus und Schäfer in der Heide. Anhand historischer Tischdecken ließen die Blaudrucker verlorengegangene Modeln zur Bewahrung alter Motive rekonstruieren.

    „Zwischen Batik und Blaudruck liegen Welten“, macht Annerose Rathjen deutlich. Denn der Blaudruck arbeite in der Technik des Reservedrucks mit Schutzpapp und nicht mit Farbe. Die Blaudruckabteilung des Heimatmuseums hat sich die Erhaltung des Wissens über das Blaudruckhandwerk auf die Fahnen geschrieben, nicht aber den Verkauf des Blaubedruckten. Bedruckt werden Gardinen- und Trachtenstoffe für den Heimatverein und die Scheeßeler Trachtengruppe sowie Gastgeschenke, die auf dem Trachtenfest oder von der Gemeinde überreicht werden. Einzig auf dem Handwerkermarkt können Blaudruckartikel gegen eine Spende erworben werden. „Sie ist ähnlich wie Haschisch und braucht für ihre Wirksamkeit eine intensive Sonneneinstrahlung“, sagt die Scheeßeler Blaudruckerin über die Indigopflanze. Erst durch Gärung der Pflanzenteile wird der darin enthaltene blaue Farbstoff Indican freigesetzt, zu Indoxyl umgewandelt und kommt dann in kleinen, getrockneten Brocken in die Gemeinde auf der Stader Geest. Aufgrund ihrer guten Verbindung zu Hamburg und den Hamburger Kaufleuten waren die Scheeßeler ihrer Zeit schon früher weit voraus. Färbten sie ihre Stoffe ehemals mit Färberwaid, setzten sie ab 1887 auf die Blaufärbung mit Indigo.

    Er besteht überwiegend aus Tonerde, Gummi arabicum, Grünspan, Alaun als Bleichmittel und einem Rest, der absolut geheim ist. Und weil Papp so kostbar ist, werden die beim Drucken austretenden Reste ordentlich von der Wachstischdecke abgekratzt, in den Krug zurückgefüllt und sorgfältig abgedeckelt. Nur einmal pro Jahr werden neuer Papp und Indigokonzentrat nach den überlieferten Rezepten von Heinrich Müller im Blaudruckspeicher angesetzt. Die Schutzmasse verhindert das Eindringen des Farbstoffs in den Stoff, so dass die mit Papppaste bedeckten Stellen nach dem Eintauchen in den Indigobottich ungefärbt bleiben. Ilse Riebesell breitet ein Stück Leinenstoff für einen Tischläufer aus und legt das Lineal an, um das Muster der Model akkurat zu übertragen. „Wir können auf allen Naturfaserstoffen drucken“, sagt sie. Am liebsten aber verwenden die Blaudruckerinnen Stoffe aus Baumwolle, Leinen, Halbleinen, Seide oder Batist. Den bedruckten Stoff, der drei bis vier Wochen im Obergeschoss des Blaudruckspeichers trocknen musste, spannt Ilse Riebesell dann auf den Sternreif über dem 1,80 Meter tiefen, festeingemauerten Indigobottich und lässt diesen dann langsam herunter. „Im Bad passiert keine Färbung“, erklärt Annerose Rathjen. Je öfter der Stoff in die gelbgrüne Farbe getaucht wird, umso intensiver wird das Blau, das sich erst durch Oxidation an der Luft auf dem Stoff entwickelt. „Was gut grünt, tut gut blauen“, hieß es bei den alten Blaudruckern. In Scheeßel wird in zehn Zügen jeweils 40 Minuten lang gefärbt. Auch der Begriff „Grün und blau schlagen“ entstammt dem Blaudruckhandwerk.

    Im warmen Wasser „entwickelt“ sich der Papp und löst sich langsam ab. Erst dann kann man sehen, ob der Druck wirklich gelungen ist. Früher wurden die Stoffe zum Klarspülen auf einer kleinen Schiebkarre zur Beeke gefahren, heute kommen sie in die großen Holzbottiche im Blaudruckspeicher. Eigentlich könne man solch einen langen Arbeitsprozess gar nicht bezahlen, sagt Annerose Rathjen. Und auch das Indigo ist nicht ganz ohne. Ein Kilogramm Naturindigo kostet etwa 70 Euro, drei bis vier Kilo benötigen die Scheeßeler Blaudrucker pro Saison.

    Fotos: Mark Intelmann

    Sabine von der Decken
    Sabine von der Decken
    Geboren 1957 in Nordrhein-Westfalen, Studium der Diplom-Biologie in Bremen und Oldenburg. Seit mehr als 20 Jahren freie Mitarbeiterin Weser Kurier Bremen, arbeitet zudem für Fachmagazine wie Land und Forst und Gartenbauprofi.
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