Hansenhof – Junge Energie im alten Haus

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    Nindorf. Die „Drei von der Tankstelle“. Nein, der Rühmann-Klassiker ist für sie passé, wenngleich etwas Filmreifes ihr Ansinnen enthält, sich Skurriles entlädt über die Art und Weise, wie sie ihr geschäftliches Neuland betreten. Die drei jungen Männer, mal gerade in den Dreißigern, sind ins gastliche Metier eingestiegen. Gemessen an ihrer bisherigen jeweiligen Vita eine schon abenteuerliche Mission: bunt, schrill, launig, unbekümmert, aber doch wild entschlossen, das „Kind zu schaukeln“, ihm Beine zu machen: beherzt, pfiffig, innovativ. 

    Ein Urgestein der Gastronomie, zumindest in Nindorf bei Visselhövede, sagte nach 27 Jahren jüngst Adieu. Volker Haase, Chef des Hansenhofes, drehte den Zapfhahn zu und genießt fortan jene Freiheit, die Ruheständler zu eigen ist. Sein Hansenhof, mitten im 600-Seelen-Dorf, ist damit aber noch lange nicht ruhender Teil der Nindorfer Dorfchronik. Es darf weiter gezapft, gekocht, gebacken, kommuniziert, gefeiert, gelehrt und gelernt werden. Das 300 Jahre alte Fachwerkhaus, mehrfach saniert, vergrößert und verschönert, mit großflächiger Remise und anderen, teils verwinkelten Nebengebäuden ist im Dorfkern die Attraktion schlechthin, verkörpert in seiner hofartigen Struktur im Fachwerk-Charme den Lebens- und Wohngeist niedersächsischer Historie. Die Sinngebung von alter Wohnkultur und neuzeitlicher Nutzung aufrechtzuerhalten, diese für sie „fixe Idee“ haben Christoffer Carstens, Jakob Fischer und Thomas Hoyer aufgegriffen und drehen flugs an den Stellschrauben, damit das Kleinod in Nindorf bleibt was es ist – eine florierende gastronomische Einrichtung, ein beliebtes Seminarhotel mit weitreichender Wirkung.

    Foto: Steffi Stuber

    Es ist Donnerstagabend, kurz nach der Tagesschau, als Christoffer Carstens Zeit findet von der Ideenfindung und den ersten Schritten als Hotelier zu berichten. Während sein Kompagnon Jakob – übrigens Sohn von Vorbesitzer Volker Haase – in einem Nebenraum zwei heiratswilligen jungen Leuten den Hansenhof als die Location für die „schönsten Augenblicke ihres gemeinsamen Lebens“ rhetorisch schmackhaft zu machen versucht, erzählt Christoffer Carstens von seiner Kinder- und Jugendfreundschaft zu Jakob Fischer. „Ja, hier im Dorf haben wir als kleine Dötze gespielt. Nindorf hat uns geprägt!“ Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl ist unschwer zu spüren, hat „die Jungs“ wieder zusammenfinden lassen für „ein Ding“, das ihnen auf der Seele brennt. „Es wäre doch schade gewesen, wenn das hier in andere Leute Hände geraten wäre“, berichtet Christoffer, merklich gebremst, wohlmöglich etwas Falsches sagen zu können. Wirksame Präsenz, öffentliche, muss er in der neuen Funktion noch lernen. Eine Frau mit gastronomischem Background war kurz davor im Hansenhof zu agieren. Fünf vor Zwölf für die Drei, das Heft in die Hand zu nehmen. Es klappte mit allem Drum und Dran. Das Trio wurde Eigentümer der alten, aber schmucken Immobilie. Und jetzt? „Na ja, wir haben das gemeinsam aus einem Bauchgefühl heraus gemacht!“, lässt Carstens die Tragweite ihres vordergründig emotionalen Handelns erkennen. Ein Hotel als emotionale Bereicherung? Als Lehrstunde einer allzu arglosen Standortbestimmung? „Es war schon krass, wir haben uns beim Startschuss keine allzu vielen Gedanken gemacht!“, gibt Christoffer denn unumwunden auch zu, um sich gleichsam einzugestehen. „Der Job ist ein Zeitfresser!“

    Foto: Christoffer Carstens

    Dass mit der Zeit ist mit den drei aufbruchwilligen Hotel-Youngstern ohnehin so ein Ding. Denn während ein Bauer höchst selbst seinen Hof beackert, ein Gastwirt seinen Gästen das Bierglas persönlich füllt und der Hotelier im Foyer seine Klientel begrüßt, leben die neuen Herren Hotel-Direktoren noch in anderen beruflichen Sphären: Christoffer Carstens in der Hauptstadt, in Kreuzberg, wo der ehemalige Wirtschafts-Jura-Student einen Handel mit alten Möbeln aus den 1920er Jahren betreibt; Jakob wiederum möchte Bielefeld nicht gänzlich ade sagen, wo er einst Mathematik studierte, seit zehn Jahren lebt und heute als selbstständiger Programmierer sein finanzielles Soll erfüllt. Und Thomas Hoyer? In der Unternehmensgruppe seiner Familie mit Öl und anderen Energiequellen hat er offenkundig mehr als genug um die Ohren, denn aber im Hansenhof den Gästen das Frühstück zu gestalten. Wie aber soll mithin ein Hotel-Betrieb funktionieren, wenn die Eigner vielfach noch alle Hände anderweitig bewegen müssen? Jakob Fischer: „Wir schaffen das. Einer von uns ist immer vor Ort!“ Und Christoffer Carstens: „Zwei Tage in der Woche bin ich in Berlin, die anderen hier!“ Natürlich haben sie Personal an Bord. Auch Neues! Der Wichtigste davon ist Thomas Rönnspies, der Chef in der Küche. Einst in Bremen am Herd, dann im Schützenhaus Rotenburg und nunmehr kochender Inspirator in Nindorf.

    Das Inhaber-Trio zielt mit ihrem Geschäftsmodell vornehmlich auf Firmenkontakte, sieht man einmal von jedem Donnerstag ab, wenn im Hansenhof für Jedermann geöffnet ist und mal eben so Bürgermeister Ralph Göbel zum Plausch am Tresen vorbeischaut. Dieser lokale Touch soll bestehen bleiben, „denn als Nindorfer Gastronomie darf man sich dem nicht gänzlich entziehen,“ gibt Jakob Fischer die Richtung an. Er, eloquent, ist regelrecht beseelt von der neuen Aufgabe. Na klar, seine Eltern haben den Hansenhof fast drei Jahrzehnte gelenkt, und jetzt will er („Ich bin da in letzter Sekunde reingegrätscht!“) mit seinen beiden Freunden beweisen, dass sie, nicht vom Fach, aber Einiges auf die Beine zu stellen in der Lage sind. Hotelgäste sollen es primär bringen. Firmen, Universitäten halten Bildung für ihre Mitarbeiter ab. 30 Betten sind vorhanden, fünf weitere Zimmer sind geplant. Jakob Fischer: „Auf Touristen können wir nicht setzen. Die verirren sich nicht nach Nindorf!“ Aber dafür seine Hochzeits-Aspiranten, von denen im Hansenhof reichlich in die Vollen gehen können. Die Remise hat Platz für 200 Feiernde.

    Drei junge Unternehmer sind sie, konzentriert das Richtige machen zu wollen, wohlwissend aber auch, dass sie wie drei vogelfreie Wesen an ihr persönlich reichlich Energie verzehrendes Machwerk herangegangen sind. Ungewöhnlich jeweils ihr bisheriger Lebensweg in Bezug auf das Projekt Hotel und Gastronomie, waghalsig schillernd, was ihre zeitlichen Räume und ihre anderweitigen Verpflichtungen betrifft, gleichwohl aber haben sie den einen Spirit gemeinsam: Sie sind Freunde, kennen sich in- und auswendig und, gibt Jakob die Losung aus: „Wir sind alte Freunde, da muss nicht alles klappen!“ Das mit dem jungen Brautpaar, deren Hochzeitsfeier und ihren Gästen, das hat geklappt!

    Hans Richelshagen
    Hans Richelshagen
    Artikel von Hans Richelshagen erschienen von 2017 bis 2018 in der STARK.
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