Das Unikat der Lebenshilfe Rotenburg-Verden. Ein etwas anderes Einzelstück

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    Rotenburg. „Unsere Aufgabe ist es nicht, Menschen zu verstecken“, bringt es Jörn Steppat auf den Punkt und meint damit einen der zentralen Grundsätze der Lebenshilfe Rotenburg-Verden. Er ist in der Einrichtung Leiter des Geschäftsbereichs Bildung und Arbeit. Vielmehr sei eines der Ziele, um die es laut Steppat den Mitarbeitern jeden Tag wieder aufs Neue gehe, Menschen und Begegnungen zu fördern. Dabei steht in der Regel gezielt auch oft eine ganz alltägliche Art der Teilhabe am Arbeitsleben im Mittelpunkt. Was profan klingen mag, ist nicht selten eine Frage von sehr viel Wissen, Kreativität und Zeit. Und hier kommt das Unikat ins Spiel: Es steht für eine Einrichtung an der Brockeler Straße in Rotenburg, in der Menschen mit Beeinträchtigung seit 2018 unter fachlicher Anleitung ausgebildeter Mitarbeiter sinnvolle und angemessene Beschäftigung finden. Dabei gibt es unterschiedliche Schwerpunkte. Ein Café, ein Laden und der separate Tagungsbereich bilden die drei Säulen des Unikat. Vor Ort finden Besucher selbstproduzierte Produkte von Menschen mit Beeinträchtigung.
    Mit der Bezeichnung des Ladens trägt die Lebenshilfe unter anderem der Einmaligkeit von Objekten und Pflanzen Rechnung, aber auch der Einzigartigkeit aller Beteiligten. Ganz bewusst gibt es dort keine Massenartikel, sondern in der Regel Einzelstücke. Das Sortiment, das auch Artikel aus anderen Werkstätten umfasst, wird laufend angepasst.

    Pflanzen und Blumen aus der eigenen Gärtnerei Aromatico in Rotenburg und einem Geschäft in Kirchlinteln finden die Besucher im gläsernen Anbau im vorderen Bereich. Auf 75 Quadratmetern sind die Angebote bewusst weitläufig platziert. Das Sortiment wird jahreszeitlich angepasst. Im Café geht es gewollt ruhig und gemütlich zu. Ob Milchkaffee, Tee oder ein anders heißes oder kühles Getränk: Im Erdgeschoss am Tresen steht ein Team aus Teilnehmern und Mitarbeitern für die Gäste bereit. Möglichkeiten, sich in Ruhe zu setzen, gibt es im Erdgeschoss ebenso, wie über Treppe oder neu eingebauten Plattform-Lift erreichbar, im ersten Stock des Hauses. Wirklich beliebt und gut nachgefragt sei laut Steppat und Daniel Koch, Leitung gastronomische Angebote, mittlerweile der Tagungsbereich. Mit „Freiraum“ und „Wümme-Eck“ stehen im ersten Stock zwei Tagungsräume zur Verfügung, in denen sich in ruhiger, sachlicher Atmosphäre Seminare, Besprechungen und Tagungen durchführen lassen. Auch Mitglieder von Vereinen nutzen das Angebot für Treffen, oder es wird dort auch schon mal die eine oder andere private Feier organisiert. Neben der rein technischen Ausstattung für derartige Vorhaben kommen die gastronomischen Ergänzungen aus dem Erdgeschoss des Unikat und aus dem Cafésito.

    Das gesamte Gebäude, das vorher unter anderem Büroräume und Werkstätten beherbergt hat, war laut Steppat ein Glücksfall für die Lebenshilfe. Längere Zeit habe man neben den bereits bestehenden Angeboten im Cafésito, Café und der Bar gegenüber dem Rotenburger Rathaus und dem Cafélino im Zentrum für psychosoziale Medizin an der Elise-Averdieck-Straße nach einem Lückenschluss gesucht, mit dem die Lebenshilfe Menschen mit anders gelagerten Beeinträchtigungen möglichst passgenaue Lösungen anbieten könnten.

    Jörn Steppat und Daniel Koch lassen überhaupt keinen Zweifel daran, dass solche Lösungen bei Menschen mit bestimmten Handicaps unabdingbar sind. Ein generelles Konzept, in das man Frauen und Männer sozusagen hineinpresst, gehöre der Vergangenheit an. Ebenso wie jeder Mensch ein Individuum mit seinen ganz persönlichen Stärken und Schwächen sei, habe die Individualität bei der Schaffung neuer Angebote absolute Priorität. Daran führt laut Steppat und Koch kein Weg vorbei. Alles Andere sei nicht professionell und schon gar nicht im Sinne der Beteiligten.

    Nun ist das Unikat nicht mehr neu und nach einer Phase der Findung und Modifikation in einigen Bereichen blickt man bereits auf umfangreiche Erfahrungen zurück, die auch für so manchen Experten unerwartet und neu gewesen sind. „Es funktioniert. Wir erleben im Unikat Menschen, die mit den Aufgaben über sich hinauswachsen“, sagt Jörn Steppat. Daniel Koch ergänzt: „Im Rahmen der jeweiligen, ganz individuellen Möglichkeiten läuft das wirklich sehr gut. Und es gibt bei einem solchen Objekt wie diesem mit seinen vielfältigen Angeboten und Herausforderungen auch immer noch neue Entwicklungsmöglichkeiten.“ Und Entwicklungen beobachte Koch, der sich schwerpunktmäßig um den gastronomischen Anteil der Arbeit kümmert und dabei von vier Mitarbeitern unterstützt wird, fast täglich. Mal sind es gute, mal aber auch eher nicht so gute. Und weil das so ist, finden im Unikat und hinter dessen Kulissen auch regelmäßig und häufig Besprechungen statt.

    Ein kontinuierlicher, intensiver Austausch sei vor dem Hintergrund der ebenso sensiblen wie vielschichtigen Materie wichtig, ja unabdingbar. Dabei sind stets Fachleute gefragt: Pädagogen, Sozialpädagogen und Fachkräfte für Arbeits- und Berufsförderung. Auch die eine oder andere kleinere Modifikation wird auch heute immer noch mal vorgenommen. Schließlich lernen auch Fachleute niemals aus. Man könne das Ganze zusammenfassend als eine Art Gratwanderung bezeichnen oder eher als das Schaffen einer Balance zwischen dem möglichst professionellen und ruhigen Auftreten nach außen hin und dem Wohl der Teilnehmer.

    Wenn man am Unikat vorbeikommt, könnte man manchmal vielleicht den Eindruck haben, da sei nicht viel los – weit und breit jedenfalls keine Menschentrauben, die ins Auge fallen würden. Bei der Frage muss Koch lachen: „Solche Menschentrauben wären überhaupt nicht gut, und wir möchten sie auch gar nicht haben. Das wäre kontraproduktiv.“ Andrang und eine kleine Schlange an der Kasse seien für manch einen Mitarbeiter nämlich schnell ein Problem. Und Überforderung ist einer der Zustände, die die Initiatoren des Unikat auf jeden Fall vermeiden möchten.

    Im Café, im Laden, aber auch im Tagungs- und Event-Bereich zögen sich Aktivitäten manchmal fast unmerklich und in ruhigem Fluss über den Tag hin. Und genau so solle es sein. Klare Strukturen seien wichtig und gewollt. Ruhige, bekannte Bahnen, die Verlässlichkeit vermitteln. Sie gehören zum Konzept und im Idealfall sollen sie auch problemlos von allen Beteiligten als solche erkennbar sein. Und weil die Teilnehmer auch täglich hinzulernen und sich entwickeln, könne jemand, der noch vor ein paar Monaten vielleicht eine Kundenreklamation persönlich genommen hätte, heute souverän, besonnen und in Eigenregie darauf reagieren. Ein ideales Ergebnis, denn schließlich gehe es auch darum, das Selbstwertgefühl zu fördern. Nicht selten in ganz alltäglichen Situationen. Steppat: „Vieles muss einfach wachsen. Das sehen wir jeden Tag wieder von Neuem.“ Das Team sei aber in der Breite sehr gut aufgestellt und nur so könne ein solches Projekt dauerhaft erfolgreich laufen.

    Fotos: Mark Intelmann

    Frank Kalff
    Frank Kalff
    Frank Kalff schreibt seit 2018 für die STARK.
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