Die Welt ein Stück besser machen – Weidenhof

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    Schneverdingen. Drei Meter vor dem Schild, das den Eintritt in den Heidekreis anzeigt, rechts rein und dann immer geradeaus, dort wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen – fast –, da liegt der Weidenhof. Zuhause und Arbeitsplatz von Anke und David Goertsches und einer von mehr als 170 Höfen des Netzwerks Solidarische Landwirtschaft in Deutschland. 2012 pachteten sie gemeinsam mit Martin Ulowetz am westlichen Rand der Lüneburger Heide für einen Zeitraum, der fast bis an ihr Rentenalter heranreicht, 61 Hektar Acker, Weideland und Wald um daraus einen richtigen Biobauernhof zu machen. Mit der solidarischen Landwirtschaft bieten sie Weltmärkten und weltweiter Agrarindustrie im Moor die Stirn. 

    Bäuerliche Kultur – versus Weltmarkt. Solidarische Landwirtschaft ist eine Bewegung, die in den 1960-er Jahren in Japan entstand und über die USA auch nach Deutschland schwappte. Menschen verpflichten sich für einen vereinbarten festen Zeitraum zur garantierten Abnahme der auf dem landwirtschaftlichen Betrieb erzeugten Produkte. Hiermit garantieren sie dem Landwirt Planungssicherheit und ein festes Einkommen. Im Gegenzug haben sie Einblick, die Chance mitzugestalten und auch mitanzupacken. In jedem Fall aber absolute Regionalität, Saisonalität und Frische der Lebensmittel und die Gewissheit, Grund und Boden zu kennen, auf dem ihre Lebensmittel produziert werden. Sie kaufen mehr als nur Lebensmittel, sondern mit jeder Kiste transportieren sie ein Stück Heimat, Identität, aber auch gutes Gewissen, verantwortungsvoll mit der Natur zu haushalten, mit nach Hause. Und weil es besser schmeckt und gesünder ist für Mensch und Tier, den Boden und die Diversität. RestPosten-Hof aus Dornröschenschlaf geholt. Als Anke und David Goertsches anfingen, lag der Hof in Lünzen schon eine Weile im Dornröschenschlaf. Davor wurde er 30 Jahre lang von einem Demeterbauern bewirtschaftet. Metallschrot aber war so ziemlich das einzige, was noch auf dem Hof zu finden war. Kein Trecker, keine Geräte und nahezu baufällige Gebäude. In ihrem ersten Jahr machten sie sich an die Kernsanierung des Wohnhauses. An Bewirtschaftung war da noch nicht zu denken. „Das war sehr abenteuerlich“, erinnert sich Schäferin Anke. Abenteuerlich waren auch die landwirtschaftlichen Anfänge des Gespanns, deren erklärtes Ziel ökologische Landwirtschaft und Tierwohl mit allen Konsequenzen und Mühen, die das so mit sich bringt, ist. Die im ersten Jahr angebauten Möhren wurden ihnen von Hasen und Rehen weggefressen. Vergleichszahlen zur Kalkulation ihrer Betriebskosten, notwendig um die Mitgliedsanteile zu berechnen, gab es noch nicht. Heute leben in Lünzen sieben Menschen von dieser Art der Landwirtschaft, 200 Mitglieder verhelfen ihnen mit ihren Monatsbeiträgen zu einem regelmäßigen Auskommen, aber auch zu der Möglichkeit, verantwortlich mit den Ressourcen der Natur zu wirtschaften. Mittlerweile gibt es 30 Salers-Rinder, 100 Schafe, drei Hütehunde, 230 Hühner, vier Ziegen, fünf Gänse, kleine und größere Folienhäuser und deutlich mehr Anbaufläche als in den Anfängen.

    Foto: Weidenhof

    Der Plan mit 50 Mitgliedern in das Projekt zu starten, ging gründlich schief. Schon zur ersten Infoveranstaltung kamen 80 Interessenten. „Was machen wir jetzt“, fragten sich Schäferin, Gemüsebauer und Landwirt etwas kopflos. Dann starteten sie mit 100 Mitgliedern in den Hofalltag eines Biobauernhofs. Mittlerweile sind daraus 200 Mitglieder geworden. Das aber ist Maximum, das steht für Anke und David Goertsches fest. Aus der Anfangszeit blieb ihnen ein Kern von Mitgliedern. „Die trugen auch die völlig versaute Möhrenernte mit“, erinnern sie sich. So tickt eben das Konzept der solidarischen Landwirtschaft. Für ein Jahr, so der Vertragszeitraum, heißt es für die Mitglieder „mitgehangen-mitgefangen“. Das kann im Gegenzug aber auch eine Superernte bedeuten. In jedem Fall aber spüren und tragen die Mitglieder jede Schwankung des landwirtschaftlichen Alltags, erleben alle von Schäferin, Gemüsebauer und Landwirt bedachten Erwägungen zum Einklang von Natur, Welt und Philosophie. Um ihre Überlegungen nachvollziehbar zu machen, hat Anke einen eigenen blog schaeferin.weidenhof.de/ entwickelt, der ganz regelmäßig Auskunft über den aktuellen Stand gibt. Mithilfe ihres Anbauplans versuchen die Weidenhöfler während des Jahres eine relativ konstante Menge an Gemüse, Kräutern, Eiern und Fleisch zu liefern. „Wir wollen jede Woche bunt liefern“, so ihr Anspruch. Natürlich jahreszeitlich bedingt. Jetzt im Winter wachsen in den großen Gewächshäusern Posteleien- und Feldsalat. Im Sommer gibt es dann Tomaten, Gurken, Chilis und diverse Sorten an Salaten. Von Anfang an war ihr Ziel, 60 verschiedene Gemüsekulturen anzubauen. Das haben sie locker geschafft. Dazu kommt dann noch die Sortenvielfalt.

    Foto: Weidenhof

    Keine Gutmenschen. „Wir sind keine Gutmenschen“, das betonen Anke und David Goertsches immer wieder. Trotzdem aber wollen sie mit ihrer Art zu leben und zu wirtschaften die Welt ein Stückchen besser machen. Das Konzept der solidarischen Landwirtschaft kommt ihnen da sehr entgegen. Regional, kein Handel, saisonal, null Verpackungsmüll und keine Ware, die weggeschmissen werden muss, weil sie nicht der EU-Norm entspricht. Wichtiger Teil neben der Landwirtschaft ist es, solidarische Landwirtschaft zu kommunizieren. Denn immer müssen und wollen sie ihren Mitgliedern die Höhe der monatlichen Beiträge plausibel machen. So nimmt der Anteil an Kommunikationsarbeit einen nicht unerheblichen Teil ihres Tages zusätzlich in Anspruch. „Lebensmittel sind wertvoll“, ist die Botschaft, die Anke Goertsches unbedingt an ihre Mitglieder weitergeben will. Ihr erklärtes Ziel ist es, einen verantwortungsvollen Fleischkonsum schmackhaft zu machen. „Mit veganem Leben wird man die Tierhaltung nicht verändern. Der richtige Weg ist richtige Tierhaltung, denn die Marktwirtschaft hört nicht auf Einzelkämpfer“, sagt die Schäferin, die am liebsten das Fleisch ihrer Schafe isst, statt Tofuwurst mit Soja aus Südamerika. Sie haben sich mit der Entscheidung für die ökologische Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte nicht den leichtesten Lebensweg ausgesucht. Wenig Freizeit, kaum Urlaub und oft am Rande körperlicher Erschöpfung sind im Angebot. Geboten wird das Wissen, an wen die mit viel Einsatz, Umsicht und Nachdenken produzierten Lebensmittel gehen. Anonym war gestern, bei der solidarischen Landwirtschaft kennen Schäferin, Landwirt und Gemüsebauer die Konsumenten persönlich. Und das macht für ihre Arbeit jeden Unterschied. Auch wenn ihr Tag im Sommer mit Sonnenaufgang losgeht, das Gemüse bis 12 Uhr geerntet, gewaschen, gewogen und in Kisten gepackt und ab 14 Uhr in die Depots transportiert wird. Beinig. Man kennt sich und Landwirt und Mitglieder ziehen an einem Strang. Und so gibt es auch mal die Möglichkeit, beinige Möhren zu liefern, ohne Kunden zu verprellen. Denn „Beinigkeit“, so David Goertsches, verändere ja nicht den Geschmack. Abfall gibt es auf dem Weidenhof daher nicht, denn die Ernte wird komplett an die Mitglieder ausgeliefert. Zweimal wöchentlich werden die Depots in Rotenburg, Scheeßel, Schneverdingen, Soltau und auf dem Weidenhof mit dem bunten Sortiment von Blumen über Kräuter, Gemüse, Salate und Fleisch beliefert. Hier holen sich die Mitglieder ihre wöchentliche Ration Regionalität, Saisonalität, Wertschöpfung und Frische ab. Drei Tage haben sie dafür Zeit, am vierten Tag darf die Allgemeinheit „plündern“. Auf diese Weise bleiben einfach keine Reste übrig, so das einfache wie sinnige Prinzip.

    Foto: Weidenhof

    Kompetenz statt Mehrheit. Wie in jedem anderen Verein machen auch auf dem Weidenhof die üblichen Verdächtigen alles, der schweigende Rest genießt ohne Engagement. „Ich freue mich über jeden der mitmacht“, so Anke Goertsches. Mitglieder und Landwirte wirtschaften in der Solidarischen Landwirtschaft gemeinsam. Wer glaubt, dass Entscheidungen über den landwirtschaftlichen Alltag aber in großer Gemeinschaft gefällt werden, der irrt gewaltig. Mitglieder können zwar Vorschläge machen, die finale Entscheidung aber liegt in den Händen der jungen Biobauern. Hier steht dann doch Kompetenz vor Mehrheit. „Ich mache es so wie ich es richtig finde“, sagt der Landschaftsgärtner und studierte Agrarwissenschaftler David Goertsches ganz pragmatisch. Vom Huhn zum Huhn. Es gibt nur eine Handvoll Betriebe, die sich für die Aufzucht eigener Hühner aus eigenen Eiern entschieden haben. Der Weidenhof gehört dazu. Hier bevölkern Zweifachnutzungshühner, Hennen und Hähne, das Hühnermobil. 220 Legehennen und zwei Mastdurchgänge pro Jahr sind die trockenen Zahlen, hinter denen steht, das auf dem Weidenhof auch männliche Küken überleben. Nicht für immer und ewig, denn auch die ökologische Landwirtschaft muss wirtschaftlich denken. Aber eine ganze Weile leben sie ein schönes Hühnerleben bevor sie als Masthähnchen enden. Das aber sei eben auch ihr Prinzip von Tierhaltung, mit dem sie sich täglich auseinandersetzen, sagt Anke Goertsches. Ständig und immer treibt die jungen Landwirte der Gedanke für konsequent artgerechte, gewissenhafte Tierhaltung, ökologische Erzeugung und Verantwortung für Gesundheit von Boden, Mensch und Tier an. Die Welt einfach ein bisschen besser machen.

    Sabine von der Decken
    Sabine von der Decken
    Geboren 1957 in Nordrhein-Westfalen, Studium der Diplom-Biologie in Bremen und Oldenburg. Seit mehr als 20 Jahren freie Mitarbeiterin Weser Kurier Bremen, arbeitet zudem für Fachmagazine wie Land und Forst und Gartenbauprofi.
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