Druckerei Rosebrock – Mit Druck in die Zukunft

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    Sottrum. Lars Rosebrock sitzt am großzügigen Schreibtisch des Besprechungsraums. Vor ihm: Konzertplakate, ein Exemplar des letzten Tischkalenders der „Nordpfade“, Stimmzettel für die Landtagswahl und der Spielplan eines Bremer Theaters – eben das, was eine Druckerei vor Ort so macht? Weit gefehlt. Kleinstauflagen bis 5.000 Stück sind heute nur noch „Beiwerk“, ebenso ein kleiner Teil der Geschichte des Sottrumer Traditionsunternehmens wie Service für die Kunden vor Ort. Das Kerngeschäft heißt Ketchup, Kaffeesahne, Katzenfutter – oder vielmehr die Etiketten hierfür. Die Spezialisierung sichert das täglich Brot nicht nur für ihn, seine beiden Brüder – ebenfalls Geschäftsführer der gleichnamigen Druckerei –, Ehefrauen und Kinder, die „nächste Generation“, sondern auch für 35 Mitarbeiter.
    800 Tonnen Papier werden hier jährlich allein für Etiketten bedruckt – mit runden Ecken, mit Schnullerhalterung oder auch zweiseitig mit arabischer Schrift – Flexibilität ist Trumpf.Hat eine Druckerei in Zeiten eines Farbdruckers in fast jedem Haushalt, von Online-Druckereien, steigenden Preisen für Papier und Farben, sinkenden Margen und immer weniger Qualitätsbewusstsein der Menschen noch eine Zukunft? Hat sie. Das zeigen schon die Luftbilder des Werksgeländes an den Wänden. Fünf Bauabschnitte in fünf Jahrzehnten, mittlerweile 2500 Quadratmeter Produktionsfläche: Viel mehr Luft ist nicht – das Grundstück ist voll.Druck machen, nicht nur im täglichen Betrieb, sondern auch mit modernsten Maschinen und an der Vorderfront der Technik – das wird in dem 1968 gegründeten Unternehmen täglich gelebt. Vom Buchdruck auf 100 Quadratmetern Betriebsfläche in Zeven, klassisch mit dem „Heidelberger Zylinder“ über die Einführung des Großformatdrucks 1991 (eine richtungsweisende Entscheidung) bis zur CTP-Druckplattenanlage: Die Fotos zeugen von Automatisierung, von unternehmerischen Entscheidungen, von einer Behauptung in einem Markt, der sich immer weiter entwickelt – wie das Unternehmen selbst.

    Dort, wo früher das Fax schon eine Errungenschaft war, hat sich die Entwicklung spätestens mit der Digitalisierung überschlagen. Aus dem unbefestigten Feldweg ist längst die Gutenbergstraße geworden; das Geschäft mit Visitenkarten, Briefpapier und Einladungskarten für Handwerker oder die Wiegekarten für Landhändler ist längst einem spezialisierten Markt gewichen; „Wachstum findet nur noch durch Merger oder Übernahmen statt“, weiß der gelernte Schriftsetzer. Doch Expansion um jeden Preis, das schnelle Hamsterrad – das sind Konstrukte der Vergangenheit. Im gesamten Landkreis ist nur noch eine Handvoll Druckereien zu finden. Der Markt ist im Umbruch – das zeigt nicht zuletzt der Blick auf die letzte Rechnung für Papier. Das ist 50 bis 80 Prozent teurer als noch vor einem halben Jahr.

    Mit der Insolvenz der „Feldmühle“ fiel wieder einer der deutschen Papierhersteller weg, in Schweden und Finnland werden heute vornehmlich Kartonagen für die Versandriesen gefertigt, dazu Schiffe, die in Zeiten der Pandemie nicht fahren, lange Wartezeiten – die allgemeine Materialknappheit macht auch vor der Druckbranche nicht Halt. Mit den gestiegenen Benzinpreisen spielt neuerdings auch die Entfernung eine Rolle: Mehr als 300 Kilometer, das lohne die Transportkosten für die Anlieferung nicht mehr. Womit punktet man also als Betrieb? Die Druckqualität ist fast überall gleich, „die hat durch die Maschinen ein hohes Niveau“, weiß der Familienvater. Im Lebensmittelbereich heißt das Alleinstellungsmerkmal Lieferzeiten: „Vier Wochen warten ist vielen zu viel, wer flexibel ist, punktet.“ Das hat sich in der Branche herumgesprochen. 600 Sorten Etiketten werden vorgehalten – auch das ein Service, den die Kunden zu schätzen wissen. Und der sich herumspricht: Mundpropaganda ist in der Druckbranche das A und O, ebenso wie flexible Lösungen und Innovationsgeist. „Wer nicht investiert, bleibt auf der Strecke“, weiß Rosebrock.

    Der Lebenszyklus einer Druckmaschine beträgt acht bis zehn Jahre, der Gedanke an die Zukunft ist Mantra. Gerade wurde eine neue Schneideanlage angeschafft – wie in vielen Fachbereichen hält die Automatisierung immer mehr Einzug, „der Anteil des Handwerks ist unter 50 Prozent gesunken.“ Dementsprechend sieht auch der Bedienerstand in der großen Maschinenhalle mit seinen großen Flachbildschirmen eher aus wie das Cockpit im Raumschiff Enterprise – die Bleilettern und Setzkarten, mit denen Rosebrock noch als Kind gespielt hatte, sie wehen heute höchstens noch einen Hauch nostalgischer Wohligkeit durch die Werkshalle.

    Während im Tagesbetrieb jeder der Geschäftsführer seinen eigenen Bereich selbständig führt – Bruder Bernd kümmert sich um Weiterverarbeitung und Versand, Sven um den Bereich Kalkulation und Angebote – werden größere Entscheidungen gemeinsam getroffen. Dass darunter auch Flops sein können wie ein UV-Platten-Drucker, gehöre zum Berufsrisiko. Großformatplotter, die Rotationsstanze in der Ecke, der Plattenbelichter für Druckplatten, heute blattgenaue Waagen und seit zwei Jahren eine komplett chemiefreie Belichtung – der Rundgang durch die Werkshalle nimmt sich aus wie ein Gang durch die Evolution der Technikgeschichte.

    Auch wenn viele Gelder in den Maschinen gebunden sind, sieht sich der Betrieb finanziell gut aufgestellt. Das liegt auch an der Familienstruktur: „Familie streikt nicht, sondern hält zusammen“ – auch in harten Zeiten, denn auch die hat es in der Branche im letzten halben Jahrhundert gegeben. Zum Beispiel nach der Wiedervereinigung, als ostdeutsche Druckereien extrem bezuschusst wurden – quasi eine Lizenz zum Gelddrucken; „diese Subventionspolitik hat vielen Kollegen im Westen das Genick gebrochen“, weiß Rosebrock. Und die Zukunft? Flexibilität und ein Gespür für den Markt bleiben Trumpf: Mehr Papier vorhalten, auch dank der zweiten Schneideanlage noch flexibler agieren, das Bedienen neuer Trends – „aus Platzgründen werden Etiketten seit einiger Zeit doppelseitig bedruckt“, meint der Mitinhaber und deutet auf die Innenseite eines Kopffleisch-Etiketts in arabischer Schrift. Und sich nicht vom Hamsterrad aus der Bahn werfen lassen: „Corona hat etwas entschleunigt, gezeigt, dass nicht alles von heute auf morgen gehen muss, das darf gern so bleiben!“

    Der Blick in die Zukunft, er fällt trotz aller Unwägbarkeiten gelassen bis positiv aus. Das mag auch daran liegen, dass sich mit Lasse Rosebrock die nächste Generation für den Einstieg in die Firmenleitung warmläuft. Wie die beiden vorigen Generationen hat der Drucker das Geschäft von der Pike auf gelernt – und der Unternehmergeist, auch für die Zukunft die richtigen Weichen zu stellen, liegt ohnehin im Blut.

    Jan-Patrick Neumann
    Jan-Patrick Neumann
    Geschichte(n) schreiben: Nach einiger Zeit wieder zurück im hohen Norden, brennt der bekennende Verfechter des Lokaljournalismus für alles, was das Leben reicher macht: Kultur, Musik, spannende Regionalthemen und Menschen, die Geschichten zu erzählen haben – kleine wie große.
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