Sabatier – Vom Künstler zum Händler

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    Verden. Auf den regionalen Markt seien sie nicht angewiesen, denn ihre Arbeit sei mit der klassischer Antiquitätengeschäfte nicht zu vergleichen, erklärt Torsten Sabatier. Ihr Verdener Kunsthandel und ihre Galerie funktionieren anders, so dass die ganz klassischen Antiquitäten in der Großen Fischerstraße nicht zu finden sind. Torsten und Frank Sabatier, die in zweiter Generation den von Vater Eduard aufgebauten Kunsthandel fortführen, setzen auf ausgefallene Exponate wie das für die Weltausstellung 1878 in Paris hergestellte Meißenmöbelstück. Es bedürfe jahrelanger Arbeit, um solch einen Kabinettschrank mit mehr als 100 Teilen aus Meißener Porzellan überhaupt finden und in positive Verhandlungen eintreten zu können.Aus einer alten Hugenottenfamilie stammend, arbeitete Großvater Eduard als Holzbildhauer in Berlin.
    Kurz vor Beginn des zweiten Weltkriegs zog es ihn dann nach Verden, wo er öffentliche Aufträge annahm. Sohn Eduard stellte nach der Lehre im väterlichen Betrieb allerdings fest, dass das Leben als Künstler schwierig war und begann über Land zu ziehen, um Antiquitäten einzukaufen. Aus der „antiken Spurensuche“ entwickelte Eduard Sabatier den heutigen Kunsthandel, fokussierte sich dabei auf den Großhandel und baute Kontakte in die USA auf. In den 1980er Jahren exportierte er enorm viele Antiquitäten, auch zu der Zeit schon gehörte Verden nicht zu seinem eigentlichen Aktionsfeld.Vier Generationen lebten in dem Haus in der Großen Fischerstraße, zu dem die Bildhauerwerkstatt von Vater und Großvater sowie ein 20 Quadratmeter großes Ladengeschäft zählten. Zusätzlich erwarb Eduard jr. ein großes Lagerhaus am Bahnhof. Heutzutage gibt es das große Lager nicht mehr und das Haus in der Großen Fischerstraße hat sich zu einem reinen Geschäftshaus gemausert.
    Für Torsten und Frank Sabatier stand immer trotz künstlerischer Ader und der Freude, sich mit Kunst zu umgeben, der Kunsthandel im Fokus ihres beruflichen Interesses. Beide absolvierten eine kaufmännische Ausbildung in namhaften Auktionshäusern und knüpften dort erste Kontakte für ihre berufliche Zukunft. Die sah Torsten Sabatier anfangs im Bereich angewandter Kunst, veränderte sich aber hin zu Exponaten der bildenden Kunst.

    „Wir leben nicht von Laufkundschaft“, erklärt Torsten Sabatier sein Geschäft, „wir arbeiten anders.“ Die Brüder kaufen besondere Künstlernachlässe auf wie den von Petrus Wandrey, der die Kunstrichtung „Digitalismus“ ins Leben rief. Allein von diesem Künstler führt Sabatier mehr als 1500 Arbeiten und bestückte damit Museumsausstellungen in der Zitadelle Spandau in Berlin, im Braunschweigischen Landesmuseum und im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Es ist die Zusammenarbeit mit namhaften Museen und Galerien, die wichtiger Teil ihrer Arbeitsweise ist. In erster Linie kaufen sie Kunst der klassischen Moderne oder aus der Zeit ab der Jahrhundertwende bis Anfang der 1930er Jahre. NS-Kunst kommt für sie nicht infrage. Provenienzforschung sei zwar ein Thema, aber eigentlich handelten sie nur mit Kunst, die sie auch verstehen.

    Bei zweifelhaften Objekten befragen sie das „Art lost register“. Bei Zweifeln an Herkunft oder Authentizität kontaktiert Sabatier Experten. In aller Regel ließe sich die Herkunft bildender Kunst sehr viel besser nachverfolgen als die der angewandten Kunst, bestätigt der Fachhändler für Meissenporzellan. „Wir können es uns nicht leisten, uns ein Kuckucksei ins Nest legen zu lassen.“ Vor etlichen Jahren kauften sie über ein Auktionshaus ein russisches Gemälde mit Expertise, das sich als ein solches herausstellte. Es haftete das Auktionshaus, und das Geschäft konnte rückabgewickelt werden. Ebenso haftet auch Sabatier, die Mitglied im Kunsthändlerverband Deutschland sowie im Weltfachverband sind, sollte sich Herkunft oder Authentizität eines Werks als falsch erweisen. „Zu 99,999 Prozent ist man so beim Kauf von Kunst auf der sicheren Seite“, so Torsten Sabatier. Mit Teilnachlässen deutscher Expressionisten bestückte der Verdener Kunsthandel Ausstellungen diverser Museen in Deutschland, dem europäischen Ausland und USA. Sie verkaufen relativ viel Porzellan insbesondere Meissen als Fachhändler für Meissener Porzellan. Ihre Kunden sind Innenarchitekten, Ausstatter von Yachten und viele Kunden aus dem Ausland. Für die Wünsche ihrer asiatischen Kunden, die im Möbelsektor prunkvolle, französische Möbel bevorzugen, haben Torsten und Frank Sabatier ein gutes Gespür entwickelt.

    Im Bereich angewandter Kunst speziell für Porzellan sei Fernost ein sehr wichtiger Markt, so der Verdener Kunsthändler. Pandemiebedingt ging der aber zurück, da sich Kunst nur unzureichend via Email verkaufen lasse. In aller Regel verknüpften Asiaten den Einkauf von Kunst mit einem mehrtägigen Trip durch Deutschland. Das fiel während der vergangenen zwei Jahre überwiegend flach. Schon bei Annektierung der Krim wurde der russische Markt zusehends schwieriger. Noch eine Woche vor Kriegsausbruch in der Ukraine besuchten Innenausstatter aus Aserbaidschan Sabatier in Verden. Torsten Sabatier geht allerdings davon aus, dass das russische Geschäft für die nächsten Jahre tot ist. Er erlebte die Russen immer als verlässliche Geschäftspartner, berichtet er angesichts der momentan schwierigen und angespannten Lage.

    Bis 1990 kam Ware immer wieder in den Markt zurück, erklärt der Verdener Kunsthändler. Das betraf vor allem den Markt in den USA. Seit Marktöffnung in Richtung Russland und China gilt dieses Prinzip aber nicht mehr. Aufgrund der staatlichen Reglementierung findet ein Warenabfluss in diese Richtung statt. „Das ist eines der großen Probleme im Gemäldesektor und im Bereich angewandter Kunst.“ Aber obwohl die Zeiten wirtschaftlich schwieriger geworden sind und der russische Markt seit 2014 eingebrochen ist, gibt es immer noch Menschen, die sich Kunst leisten wollen. „Kunst ist immer gefragt.“ Kunst allerdings als Wertanlage zu kaufen, hält Torsten Sabatier für gewagt. Wer Kunst kaufe, müsse sie mögen, so seine Empfehlung. Wenn sie dann auch noch wertstabil sei, dann habe man alles richtig gemacht.

    Museale Werke der alten Worpsweder könnte er verkaufen, bekomme sie aber nur selten. In den letzten 20 Jahren wurden dem Verdener Kunsthaus nur vier bedeutende Werke Worpsweder Künstler angeboten, die sie allesamt aufkauften. „Nur die Spitze, alles andere interessiert uns nicht.“ Aus diesem Grund sind die Worpsweder Künstler im Verdener Portfolio trotz der räumlichen Nähe nur selten vertreten. Denn die Kunst, die Torsten und Frank Sabatier verkaufen, hat immer museale Bedeutung. Gute Qualität sei rar, die Warenbeschaffung ein Riesenproblem. Trotzdem kam ein Hauptwerk von Otto Modersohn in das Oldenburger Landesmuseum. Und aus dem Nachlass von Ludwig Roselius kauften sie Zeichnungen von Heinrich Vogeler. Torsten Sabatier, der seit 25 Jahren in der Branche tätig ist, guckt zur Unterhaltung die Fernsehserie „Bares für Rares“ mal ganz gerne. An solch einem Format aber selber teilzunehmen kommt für ihn aufgrund der dort vorgestellten Ware mit „Brocanteurniveau“ nicht infrage. „Wir achten auf hochwertige Ware.“

    Fotos: Arne von Brill

    Sabine von der Decken
    Sabine von der Decken
    Geboren 1957 in Nordrhein-Westfalen, Studium der Diplom-Biologie in Bremen und Oldenburg. Seit mehr als 20 Jahren freie Mitarbeiterin Weser Kurier Bremen, arbeitet zudem für Fachmagazine wie Land und Forst und Gartenbauprofi.
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