Erfolgsgeschichte – Montessori in Rotenburg

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    Rotenburg. Maria Montessori – ja, den Namen haben viele wohl schon einmal gehört. Die Details des Lernkonzepts, das die 1952 verstorbene Italienerin geprägt hat, kennen doch nur wenige. Zwei, die sich gut damit auskennen, sind Ulrike Hammer und Andrea van der Werp. Die Lehrerin der Montessori-Grundschule beziehungsweise die Leiterin des Montessori-Kinderhauses in Rotenburg strahlen im Gespräch beide gleichermaßen etwas aus: Überzeugung und Begeisterung. Und zwar für eine Pädagogik, die eine Lernumgebung schafft, in der jedes Kind seine vorhandenen Potenziale bestmöglich entwickeln soll.

    „Respekt und Wertschätzung sind uns in unserem täglichen Miteinander sehr wichtig“, stellt Andrea van der Werp gleich zu Beginn klar und Ulrike Hammer nickt. Hinter Maria Montessoris Lehre steht großer Respekt vor dem Kind und Vertrauen in seine Entwicklung. Genau jene achtvolle Haltung gegenüber den Mädchen und Jungen ist eine grundlegende und wichtige Einstellung. Eine Bildungseinrichtung gründen, in der Kinder ihr individuelles Potenzial bestmöglich verwirklichen können und ganzheitlich gefördert werden – dieser Wunsch entsprang einer engagierten Gruppe von Rotenburger Eltern. 2002 konnte jene Initiative Ulrike Hammer als Lehrerin gewinnen. Ein Glücksfall, so hieß es schon damals. Und eine Erfolgsgeschichte schloss sich an: die erste Einschulung 2003, die Inbetriebnahme des Montessori-Kinderhauses 2004 auf dem eigenen Campus, der Weg heraus aus den anfänglich aufgestellten Containern hinein in einen Neubau, in dem Kinderhaus und Schule seither Seite an Seite unter einem Dach untergebracht sind. Stück für Stück wurden Herausforderungen gemeistert. „Wir bieten den Mädchen und Jungen die Chance, sich frei zu entwickeln“, so Ulrike Hammer. Die Montessori-Pädagogik geht davon aus, dass alle Kinder lernen können und wollen – und zwar selbstständig und ohne Zwang. Diese Neugierde und die Lust am Lernen werden im Kinderhaus und in der Schule am Kiebitzweg nach dem Leitsatz von Maria Montessori „Hilf mir, es selbst zu tun“ unterstützt. Wie sieht das im Alltag aus? In der Grundschule lernen Mädchen und Jungen zwischen sechs und zehn Jahren – altersgemischt, mit- und voneinander. Statt Noten gibt es Entwicklungsberichte. Mit speziell entwickelten und passgenau aufs Alter abgestimmten Montessori-Materialien für die unterschiedlichen Fächer lernen sie deren spezifische Inhalte. Aber eben noch mehr: Ausdauer, Konzentration und die Freude am Dazulernen. Vorteil der gemischten Gruppe: Sie soll jedem einzelnen die Möglichkeit einer optimalen individuellen und sozialen Entwicklung bieten. Die Gemeinschaft fungiert als sicherer Raum, um Selbstwert, Selbstvertrauen und -achtung aufzubauen. Verantwortung und Fürsorge sind weitere wichtige Schlagworte. „Nicht nur anderen Menschen gegenüber, sondern auch gegenüber der Natur, der Umwelt im Kleinen und Großen“, erläutert die Lehrerin.

    Im Kinderhaus gibt es ebenfalls altersgemischte Gruppen sowie die speziellen Montessori-Materialien – wenn auch andere als in der Schule. Eben passend zum Alter und den Bedürfnissen. Die Kinderhaus-Zeit gestattet den Kindern, ihre Persönlichkeit aufzubauen und zu lernen, selbstständig zu denken und zu handeln. Das Kind als Baumeister seiner selbst – so ein wichtiger Grundgedanke. Die Rollen der Erzieherinnen und Lehrerinnen: beobachten, Anreize durch die Einführung in neue Materialien setzen, Ansprechpartner sein, geduldig und aufmerksam zur Seite stehen, zur richtigen Zeit Anregungen geben. Vorurteile gegenüber der Montessori-Pädagogik? Die haben Ulrike Hammer und Andrea van der Werp schon oft gehört. Chaos in der Klasse, die Kinder lernen nicht richtig Lesen, eine Schule für Besserverdiener-Familien, der Sprung auf weiterführende Schulen gelingt nur schwer – alles falsch. Und übrigens macht die Schule auch nicht, was sie will: Das Curriculum richtet sich nach den Bildungsstandards des Landes Niedersachsen.

    Kindern etwas zuzutrauen – für Andrea van der Werp, die schon seit 2010 Leiterin des Kinderhauses ist, überaus wichtig: „Vertrauen schafft Vertrauen.“ Acht Mitglieder umfasst das Grundschulteam, fünf sind es im Kinderhaus – allesamt mit speziellen Zusatzausbildungen. „Wir helfen den Kindern, zu starken Persönlichkeiten heranzureifen, mit Rückgrat und einem guten Fundament fürs Leben“, formuliert Andrea van der Werp. Wie überzeugt viele Eltern von den Vorzügen der Einrichtung sind, zeigt dann auch der Blick auf die Zahlen. 44 Mädchen und Jungen sind aktuell in der Grundschule, 50 im Kinderhaus – ausgebucht. Die Rückmeldungen ehemaliger Schülerinnen und Schüler: sehr zufrieden. „Die beste Entscheidung meiner Mutter war es, mich auf diese Schule zu schicken“, so habe es eine ehemalige Schülerin einmal formuliert. „Wir haben das große Glück, dass sich so viele Eltern mit uns verbunden fühlen und uns vertrauen“, weiß Ulrike Hammer. Und so schaut das Team weiter zuversichtlich in die Zukunft. Wenn sie sich etwas wünschen könnten, was wäre das? Noch zwei, drei qualifizierte Lehrkräfte zusätzlich, merkt Ulrike Hammer an. Und Andrea van der Werp ergänzt das mit einem Wunsch an die Gesellschaft: mehr Menschlichkeit und einen respektvolleren Umgang miteinander.

    Fotos: Mark Intelmann

    Wibke Woyke
    Wibke Woyke
    Wibke Woyke schrieb von September 2017 bis Juni 2020 für die STARK.
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