Velomobile – Liegedreiräder – Die umweltfreundliche Form der Mobilität

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    Ottersberg. Knapp drei Meter lang, achtzig Zentimeter hoch, leise, aerodynamisch verkleidet und auf drei Rädern schnell und komfortabel unterwegs: Was auf den Straßen in Ottersberg und umzu rollt, ist keine Requisite aus einem Zukunftsfilm, sondern eine äußerst effektive und umweltfreundliche Form der Mobilität. Die Spuren führen zu Henning Tesch, der sich an der Großen Straße mit seiner Firma „Velomobile Ottersberg“ niedergelassen hat und mit voll verkleideten Liegerädern handelt. Die per Muskelkraft angetriebenen Räder sind nicht nur schnell, sondern auch sicher, wartungsarm und zuverlässig. „Sie eignen sich sowohl für den Arbeitsweg als auch für sportliche Zwecke und sind eine Alternative zum Auto“, betont Tesch. Der 44-Jährige gehört zu den bundesweit wenigen Händlern, die sich dem Velomobil verschrieben haben.

    Wie einem schlanken, in sattem Rot lackierten Milan, das in Anlehnung an seinen Namen zu den schnellsten Velomobilen gehört und mit entsprechenden Komponenten ausgestattet ist. Rund 25 Kilogramm schwer, mit Keflar verstärktes Carbongewebe für höhere Festigkeit, Hochleistungs-Frontscheinwerfer, Blinkanlage, Tagfahrlicht im Heck, zwei Mal elf Gänge Kettenschaltung, Federung vorne und hinten, leichte Räder und Reifen mit wenig Rollwiderstand, Serviceklappen für Schaltwerk und Hinterradachse sowie eine hochwertige Autolackierung, zählt Henning Tesch eine umfassende Ausstattungsliste auf.

    Was sich hinter der sattroten Verkleidung ebenfalls verbirgt, ist ein stattlicher Stauraum. Hinter dem Sitz ist genügend Platz für Arbeitsutensilien wie Laptop, Rucksack oder Aktentasche und bei Bedarf für mehr. Auch eine Campingausrüstung lässt sich bei einer möglichen Zuladung von 20 Kilogramm im Milan transportieren. Das ist zum Beispiel für alle Nutzer von Interesse, die das Rad in ihrer Freizeit nutzen und auf Tour gehen wollen. Erfahrene Velofahrer schaffen an Wochenenden auch stattliche Strecken. „Wir sind schon an einem Tag nach Bad Zwischenahn oder Cuxhaven gefahren, dabei lassen sich auch Geschwindigkeiten von bis zu 60 Stundenkilometer und mehr erreichen“, berichtet Tesch über die sportliche Variante. Wer ein Velomobil nutzt, muss sich indes umstellen. Die Perspektive aus dem Cockpit heraus sei eine andere, der Wendekreis deutlich größer als bei einem Fahrrad und die Sicht auf einen Traktorreifen für einen Neuling ein intensiver Eindruck. Eine gewisse Anlaufzeit müsse man zur Eingewöhnung schon kalkulieren, empfiehlt der Händler.

    Das Virus Liegeräder im Allgemeinen und dreirädrige Velomobile im Besonderen hat sich der Firmeninhaber in den 1990er Jahren eingefangen. Er wohnte in Hambergen im Landkreis Osterholz und nutzte ein Liegerad, damals noch unverkleidet, als Transportmittel zum technischen Gymnasium in Osterholz-Scharmbeck und für Besuche bei seiner Freundin in Worpswede. Da kamen an einem Tag locker 65 bis 70 Kilometer zusammen, die sich mit dem Liegerad entspannt abspulen ließen, erinnert er. Bei einem Kursus der Bremer Volkshochschule lernte der junge Henning Tesch später dann, welche handwerklichen Fähigkeiten für die Entwicklung und den Bau eines Liegerads vonnöten sind, und der „Durchbruch“ hatte mit einem Aufenthalt in England zu tun. Dort hatte ein Tüftler ein Liegerad voll verkleidet und auf drei Räder gestellt. Die Vorteile lagen auf der Hand: Die aerodynamische Verkleidung reduzierte den Luftwiderstand entscheidend und der Fahrer saß unter der Abdeckung aus Glasfasergewebe bei jedem Wetter sicher und trocken. Die Konsequenz war für den Besucher aus Niedersachsen folgerichtig. „Solch ein Velomobil musste ich haben“, sagte sich Henning Tesch und machte sich gemeinsam mit seiner Freundin und heutigen Ehefrau in ganz Deutschland auf die Suche. Die Zahl der Hersteller war überschaubar, fündig wurde er schließlich bei einem voll verkleideten Velomobil der Marke Milan. Optik, Fahrleistungen und Fahrverhalten stimmten – der Kauf war beschlossene Sache.

    Die Alltagstauglichkeit prüfte Tesch auf seinem täglichen Arbeitsweg. Vom zwischenzeitlichen Wohnort Lilienthal ging es über den Wümmedeich und öffentliche Straßen zur Arbeitsstelle als Mediengestalter in Bremen-Hastedt. Nur mit Muskelkraft betrieben, erwies sich das verkleidete Dreirad auch für die Fahrten vom jetzigen Wohnort Ottersberg in die Stadt als jederzeit taugliche Alternative zum Auto. Das Miteinander auf den Straßen sei bei manchen Autofahrern gewöhnungsbedürftig, aber alles in allem unproblematisch. Auch, weil das Velomobil mit einem Tempo von 50 bis 60 Stundenkilometern im Verkehr mitschwimme, berichtet der Geschäftsinhaber.

    Inzwischen ist Henning Tesch nicht nur Velofahrer, sondern auch selbstständiger Velohändler mit Verkauf, Service, Werkstatt und Online-Shop. „Ich habe mich beruflich neu orientiert, habe alles durchdacht und dann eine Entscheidung getroffen“, berichtet der Familienvater. Auslöser dafür war die Anfrage des Herstellers des Milan. Zunächst nebenberuflich, dann vor rund zwei Jahren der Schritt in die volle Selbstständigkeit mit einem breiten Sortiment. Dazu gehören neben dem Milan zum Beispiel auch Räder der Marken DF oder Alleweder, ebenfalls zu haben ist ein elektrisch unterstütztes Velomobil, das es auf 45 Stundenkilometer bringt, und ein vierrädriges Lastenrad „Citkar Loadster“ mit einer Zuladung von 240 Kilogramm. Der Ottersberger sieht sich mit seinem Geschäftsmodell auf einem guten Weg.

    In Zeiten von Klimawandel, Rohstoffknappheit und steigenden Spritpreisen seien Alternativen für die Fahrt mit dem Auto immer gefragt. Er wünscht sich auf diesem Weg vom Staat noch mehr Unterstützung für das Velomobil. Als Job-Rad seien sie verbreitet, Zuschüsse wie aktuell bei Lastenrädern könnten die Nachfrage zusätzlich ankurbeln. Denn noch hat das aerodynamisch verkleidete Mobil seinen Preis. Je nach Hersteller und Modell könne man um die 12 000 Euro ausgeben, auch wenn es gut investiertes Geld sei, sagt Henning Tesch. Das Interesse an umweltgerechten und emissionsfreien Lösungen sei grundsätzlich groß und bei gut besuchten Messen wie zuletzt in Ostfriesland, Hamburg oder den Niederlanden immer wieder deutlich geworden. Auch das Verhalten von Kunden vor Ort mache Mut. Wer im Geschäft in Ottersberg eine Probefahrt mache, entscheide sich in den meisten Fällen zum Kauf. Henning Tesch will deshalb expandieren. Beim Bauamt in Verden wird gerade ein Antrag zur Erweiterung der Geschäftsräume samt Werkstatt und Lager sowie Showroom bearbeitet.

    Fotos: Arne von Brill

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