Finanzen, Stimmung, Arbeitskräfte – wie steht es ums Agaplesion Diakonieklinikum?

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    Herr Brünger, im März 2015 sind Sie für die Bereiche Finanzen und Controlling an das Agaplesion Diakonieklinikum in Rotenburg gekommen, seit Ende September 2017 haben Sie – nach einer Interimsphase – dauerhaft die Funktion des Geschäftsführers inne. Wie zufrieden oder aber desillusioniert sind Sie nach dieser Zeit? Als ich im Diakonieklinikum als kaufmännischer Direktor angefangen habe, hat mich die offene und zugewandte Art der Mitarbeitenden begeistert. Und das ist bis heute so geblieben. Somit war und bin ich von meiner Entscheidung, dauerhaft die Geschäftsführung zu übernehmen, nach wie vor überzeugt. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch aufgrund der Größe des Hauses zahlreiche Herausforderungen und Aufgaben. Das ist nicht immer einfach, aber ich freue mich darauf, mich dieser Aufgaben anzunehmen und die Weiterentwicklung des Klinikums mitzugestalten.

    Als Sie hier begonnen haben, war die Ausgangslage nicht leicht. Defizitäre Jahre schlugen zu Buche. Mit welchen Mitteln konnten Sie wieder einen gefestigten Kurs einschlagen und wie kann der in Zukunft gehalten werden? Unentbehrlich für einen gefestigten Kurs sind in meinen Augen die Qualifikationen sowie die hervorragenden Leistungen der Mitarbeitenden, die eine hochwertige und qualifizierte Pflege und Medizin erst möglich machen. Hinzu kommen medizinische Weiterentwicklungen im ambulanten und stationären Bereich gepaart mit Investitionen in die medizinische und bauliche Infrastruktur, so dass wir für die Zukunft gerüstet sind und die Versorgung unserer Patienten wie gewohnt sicherstellen können. Aus kaufmännischer Sicht kommt natürlich noch die stringente Anwendung von Controlling-Maßnahmen hinzu, um auch den wirtschaftlichen Kurs weiter zu halten und zu stärken.

    Stationäre Fälle, ambulante Behandlungen, Notfälle, Geburten – könnten Sie uns einige aktuelle Zahlen aus dem Jahr 2018 sagen? Das Diakonieklinikum ist ein sehr großes Haus: Wir haben rund 800 Betten und bieten ein umfassendes Spektrum an medizinischer Diagnostik und Therapie an. Damit sind wir ein sogenannter Maximalversorger, sprich: Wir bieten fast alles an außer Herz- und Kinderchirurgie. Gleichzeitig sind wir das größte konfessionelle Krankenhaus in Niedersachsen. Zudem beteiligen wir uns als akademisches Lehrkrankenhaus der Medizinischen Fakultät der Universität Hamburg an der Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses. Zu den Eckdaten: Wir zählen rund 185.000 Patientenkontakte im Jahr und versorgen rund 32.000 vollstationäre, 640 teilstationäre sowie 127.000 ambulante Behandlungsfälle. Hinzu kommen 22.000 ambulante Notfälle pro Jahr. Was mich besonders freut: Rund 1.100 Kinder werden jedes Jahr hier im Krankenhaus geboren. Zugleich sind wir der größte Arbeitgeber im Landkreis Rotenburg. Im Diakonieklinikum mit seinen Tochtergesellschaften arbeiten mehr als 2.500 Mitarbeitende und wir stellen rund 200 Ausbildungsplätze zur Verfügung.

    Stichwort „Aus“ des MLK Zeven: Mehr Patientinnen und Patienten könnten künftig durchaus nach Rotenburg zu Ihnen kommen. Könnten Sie dieses „Mehr“ denn auffangen oder müssten sich die Patienten in der Region dann Gedanken um ihre zeitnahe Versorgung machen? Seit der Schließung des MLK stellen wir schon steigende Patientenzahlen fest. Aber an dieser Stelle sei deutlich gesagt, dass die ambulante und stationäre Versorgung sichergestellt ist und wir niemanden abweisen. Niemand muss sich Gedanken um die medizinische Versorgung machen. Hinzu kommt, dass wir seit Jahren bereits in Zeven mit einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) vertreten sind und ein stabiles Angebot machen. Dieses umfasst die Fachbereiche Allgemeinmedizin, Neurologie, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Innere Medizin mit dem Schwerpunkt Diabetologie, Psychiatrie und Psychotherapie, Endokrinologie und seit Kurzem auch Chirurgie. Uns ist es wichtig, dass wir damit gemeinsam mit den niedergelassenen Ärzten den Versorgungsauftrag für die Zevener Bevölkerung wahrnehmen.

    Thema Fachkräftemangel: Wie gut gerüstet sehen Sie das Diakonieklinikum personell und wie versuchen Sie, als Arbeitgeber attraktiv zu sein? Gerade in der Pflege und Medizin macht sich der Fachkräftemangel unmittelbar bemerkbar, denn wir arbeiten immer direkt am und mit Menschen für ihre Gesundheit. Es sind sehr anspruchsvolle Berufe, und wie in anderen Bereichen fehlt auch hier der Nachwuchs. In einem Krankenhaus sollte es nicht passieren, dass Personalnot auf den Schultern der Patienten und der eigenen Mitarbeitenden ausgetragen wird. Die gesamte Personalsituation ist für uns gerade ein großes Thema. Nicht nur vor dem Hintergrund des aktuell vom Gesetzgeber verabschiedeten neuen Pflegestellenförderprogramms sind wir als Maximalversorger und großer Arbeitgeber in der Region sozusagen ständig auf der Suche nach Mitarbeitenden und Auszubildenden für die vielfältigen Einsatzbereiche in Pflege und Medizin. Die Besetzung weiterer Stellen kommt nicht nur unseren Patienten zugute, sondern natürlich auch unseren Mitarbeitenden durch die Entlastung im Arbeitsalltag. Um die Attraktivität nicht nur der Berufe in Medizin und Pflege – Stichworte sind sicher, sozial und sinnvoll – sondern insbesondere auch die Attraktivität des Agaplesion Diakonieklinikums Rotenburg darzulegen, präsentieren wir unsere Recruiting-Kampagne „Arbeiten, wo das Herz schlägt“. Durch verschiedene Aktionen und Maßnahmen wollen wir damit so viele Pflegefachkräfte wie möglich auf uns als Arbeitgeber und auf die besonderen Konditionen und guten, verlässlichen Arbeitsbedingungen, die wir anbieten, aufmerksam machen. Eine unserer Aktionen ist zum Beispiel „Mitarbeiter werben Mitarbeiter“. Bei erfolgreicher Einstellung aufgrund einer Weiterempfehlung erhält der Mitarbeitende eine Prämie. Besonders wichtig ist es uns, dass wir als zukunftssicheres Unternehmen wahrgenommen werden: So setzen wir uns sehr für unsere eigene Ausbildungsstätte ein. Wir profitieren sehr von unserer Gesundheits- und Krankenpflege-/Kinderkrankenpflegeschule, aus der wir seit Jahren Fachkräfte für unsere Pflege gewinnen können. Gleiches gilt für Medizinstudierende: Durch verschiedene Angebote wie Stipendien, Lehrveranstaltungen und als Event das sogenannte House-Seminar bauen wir frühzeitige Bindungen zu potenziellen Mitarbeitenden im medizinischen Bereich auf.

    Wie würden Sie die Stimmungslage unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beschreiben – gibt es ein gutes Miteinander? Die Arbeitsbelastung der Kolleginnen und Kollegen ist sehr hoch. Der Zusammenhalt in den einzelnen Teams funktioniert jedoch sehr gut und das ist das A und O. Trotz aller Belastung ist es ein offenes und zugewandtes Miteinander. Besonders freut es mich, dass beispielsweise unser jährliches Sommerfest, das auch ein Dankeschön an all unsere engagierten Mitarbeitenden ist, mit mehr als 1.000 Gästen so gut angenommen wird. Des Weiteren gibt es bei uns im Haus verschiedene Angebote für die Mitarbeiter, direkt mit uns in der Geschäftsführung ins Gespräch zu kommen, um belastende Themen oder Kritik aufzugreifen. Wer in Rotenburg oder Umgebung lebt, weiß, wie stetig sich das Krankenhaus über all die Jahrzehnte entwickelt hat. Ist weiteres Wachstum geplant? Welche unumgänglichen Investitionen stehen mittelfristig an? Neben der neuen Komfortstation, die als zusätzliches Stockwerk auf das Haus B bereits aufgesetzt wurde und im Frühjahr 2019 eröffnet wird, planen wir weitere Investitionen. Dazu zählt unter anderem ein Eltern-Kind-Zentrum. Gleichzeitig prüfen wir gerade gemeinsam mit dem Diakonissen-Mutterhaus die Planung eines Parkhauses auf dem Mutterhausgelände. Regelmäßig investieren wir natürlich in die medizinische Ausstattung, wie beispielsweise in diesem Jahr in neue Computertomographen oder ein spezielles Operationsmikroskop für die Neurochirurgie. Parallel planen wir weitere Sanierungen von Stationen – wie zuletzt die gastroenterologische Station in Haus A. Da viele Investitionen aus eigenen Mitteln finanziert werden, ist immer ein entsprechendes planerisches Vorgehen von Nöten.

    Zu Ihnen persönlich: Aus der Hansestadt Hamburg sind Sie ins wesentlich kleinere Rotenburg gewechselt. Wie gut ist Ihnen der Schritt gelungen? Präzise gesagt komme ich gar nicht aus der großen Hansestadt Hamburg, sondern wohne nördlich davon in Bargteheide, einer Stadt mit rund 16.000 Einwohnern. Deshalb ist mir der Schritt nach Rotenburg leichtgefallen, da mir das Leben in einer Stadt mit ländlichem Umfeld vertraut ist. Sie engagieren sich inzwischen z.B. auch im Rotenburger Wirtschaftsforum. Warum haben Sie entschieden, sich dort einzubringen? Das Diakonieklinikum ist der größte Arbeitgeber vor Ort, und für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, dass wir mit Interesse die Entwicklungen in Rotenburg mitverfolgen und die Wirtschaft weiter stärken und ausbauen. Die Stadt und der Landkreis Rotenburg sollen für Bürger, die Menschen und potenzielle Arbeitnehmer attraktiv bleiben und noch interessanter werden. Um dies voranzutreiben und Ideen einzubringen, ist das Wirtschaftsforum eine sehr gute Plattform. Aber irgendwann heißt es abends auch für Sie hoffentlich „Feierabend“. Abschalten, den Arbeitsalltag mit allen Hürden hinter sich lassen – wie gut und mit welchen Hobbys gelingt Ihnen das? Wenn ich Feierabend habe, bin ich sehr gern an der frischen Luft unterwegs – mit dem Rad oder beim Laufen. So bekomme ich den Kopf frei und kann abschalten.

    Fotos: Mark Intelmann

    Wibke Woyke
    Wibke Woyke
    Wibke Woyke schrieb von September 2017 bis Juni 2020 für die STARK.
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