IGS-ROW: Eine Junge Schule mit neuen Ideen

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    Rotenburg. Vielfalt ist Reichtum – so lautet ein Grundgedanke im Prinzip der Integrierten Gesamtschule (IGS) in Rotenburg. An zwei Standorten – in der Ahe und in der Gerberstraße – wird das Konzept mit Leben gefüllt. „Wir sind gewachsen“, blickt Schulleiter Sven Thiemer auf die Zeit seit dem Startschuss zurück. Er ist mit der Entwicklung der neuen Schule sehr zufrieden. Ecken und Kanten des Konzepts wurden rund geschliffen und eine ständige Weiterentwicklung sei sowieso selbstverständlich. Auch der Zuspruch der Eltern bestärkt ihn und das gesamte Team. Und so nehmen alle gemeinsam auch die nächste Herausforderung ins Visier, für die 2018 wohl entscheidende Weichen gestellt werden müssen: der Aufbau einer gymnasialen Oberstufe.

     

    Schlüsselqualifikationen und Kompetenzen erwerben, Verantwortung übernehmen, Veränderungen wagen, Kooperationen entwickeln, Nachhaltigkeit leben, die Kultur der Vielfalt nutzen – im Leitbild sind wichtige Punkte festgelegt, die das Handeln, Lehren, Lernen und Leben an der Rotenburger IGS beeinflussen. „Wir wollen, dass jedes Kind in seinem eigenen Tempo vorankommt. Alle sollen ernst genommen, ermutigt und zu ihren persönlichen Bestleistungen herausgefordert werden. Denn Schule ist nur erfolgreich, wenn sie die Freude am Lernen wach hält“, so die Idee. Voraussetzung für Lernfreude sei das Gefühl, in einer starken Gemeinschaft zu leben. Soziales und kooperatives Lernen spielt eine zentrale Rolle. Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler arbeiten im Team. „Wir wollen gemeinsam und voneinander lernen.“ Als Integrierte Gesamtschule sieht sich die Einrichtung als Alternative zum gegliederten Schulwesen aus Gymnasium, Real-, Haupt- und Förderschule und bietet Kindern aus all diesen Schulformen ein entsprechendes Lernangebot. Das aber habe auf keinen Fall etwas mit „Gleichmacherei“ zu tun, betont Sven Thiemer, auch wenn dieses Vorurteil aufgrund von Unwissenheit bei dem einen oder anderen im Kopf existieren möge. Da sei eben weiter Aufklärungsarbeit gefragt, um die Idee der IGS mehr und mehr zu etablieren. Seit der Gründung der IGS im Sommer 2014 wächst die Schule jährlich um einen Jahrgang. Startete der erste Jahrgang damals mit 128 Mädchen und Jungen, so werden in diesem nun mehr als 150 beschult. „Das macht sogar eine Sechszügigkeit in dem Jahrgang erforderlich“, berichtet Sven Thiemer. Alle anderen Jahrgänge sind fünfzügig aufgebaut. Wenn eine neue Schule entsteht, müssen natürlich Räume her. Und so gab es seit dem Start auch viele bauliche Aktivitäten. „Räume zum Wohlfühlen und Lernen“, lautet die Vorgabe der IGS.

    Ein entscheidendes Merkmal ist die sogenannte Lernwerkstatt. „Um Schülerinnen und Schülern eigenverantwortliches und selbstständiges Lernen zu ermöglichen, brauchen sie zunehmend Freiräume und Zeit für eigene Entscheidungen“, so die Devise. Die Lernwerkstatt in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik biete diese Möglichkeit. Jedes Kind setze sich, so die Erklärung, eigene Schwerpunkte und Ziele, die mit den Fachlehrern abgesprochen werden. Bei der Umsetzung des individuellen Plans schreiten die Schülerinnen und Schüler im eigenen Tempo voran. Nach der Prämisse „nach unten abgesichert und nach oben nicht gedeckelt“ haben die Mädchen und Jungs nach dem Erwerb der Grundanforderungen die Möglichkeit, sich ihren Fähigkeiten und Neigungen entsprechend tiefergehend mit einer Materie auseinanderzusetzen, schneller voranzuschreiten oder weitere Themengebiete zu bearbeiten. So erreichen die Kinder unterschiedliche Kompetenzstufen, die ihnen persönlich entsprechen.

    Weiterer fester Baustein des Konzepts: der individuelle Dialog mit den Kindern und Eltern über die Lernentwicklung. Noten? Fehlanzeige in den unteren Jahrgängen. Dass auf die altbekannte Benotung in Form einer Zahl verzichtet wird, heißt aber nicht, dass Schüler und Eltern keine Rückmeldung bekommen, wie das Kind im Unterricht zurechtkommt. Vielmehr erhalten die Schülerinnen und Schüler aus- führliche, kompetenzorientierte Lern- entwicklungsberichte. Kinder und Jugendliche sollen ermutigt werden, ihr Lernverhalten selbst einzuschätzen und sich realistische Ziele für ihren persönlichen Weg zu setzen. Das stärke die Selbstverantwortung für die persönliche Entwicklung. Erst ab der neunten Klasse erhalten die Kinder ein Notenzeugnis.

    „Dein erstes Halbjahr war ein voller Erfolg. Wir haben Dich als sehr freundliches und aufgeschlossenes Mädchen kennengelernt“, ist zum Beispiel als Einstieg in einem der Lernentwicklungsberichte zu lesen und eine persönliche Einschätzung folgt. Ebenso wird in der Kategorie Sozialverhalten auf die Kompetenzen eingegangen, etwa in den Belangen „Du hältst Regeln ein“, „Du zeigst Verantwortung für Dich und Dein Umfeld“ oder „Du bist in der Lage, Konflikte konstruktiv zu lösen.“ Auf den Folgeseiten gibt es die Berichte der jeweiligen Fächer wie Deutsch, Mathematik, Englisch oder Naturwissenschaften. Neben den Themen sind wiederum die Kompetenzen differenziert aufgeschlüsselt. Eine weitere Kategorie widmet sich dem Arbeitsverhalten und Punkten wie „Du beteiligst Dich aktiv und konstruktiv am Unterrichtsgeschehen“ oder „Du arbeitest sach- und zielorientiert“. Den Abschluss auf der jeweiligen Seite bildet eine individuelle Bemerkung in Bezug auf den Schüler pro Fach, die sich direkt an das Kind richtet. Die letzte Seite bietet eine Anmerkung zur belegten verbindlichen Arbeitsgemeinschaft.

    Jene Rückmeldung an Kinder und Eltern sei – im Gegensatz zu einer bloßen Ziffer – wesentlich aufschlussreicher, zeige sie doch Stärken ebenso auf wie eventuelle Verbesserungschancen. Auch schwächere Schüler erhielten auf diese Weise Erfolgsmomente, denn niemand sei durchgehend in allen Punkten und Kompetenzen schwach – jeder habe Stärken, die durch die differenzierte Bewertung sichtbar würden. Keine Noten – haben sich denn Eltern und Kinder schnell daran gewöhnt? Sven Thiemer nickt. Zwar gebe es eine Umstellung beim Schritt von der Grundschule zur IGS. Doch alle würden das System der Lernentwicklungsberichte schnell annehmen und die Vorteile erkennen. Schülerinnen und Schüler führen übrigens selbst ein Logbuch, in dem sie Lerninhalte, Feedback und Weiteres eintragen. „Wir sind eine junge Schule, die nicht an eine festgelegte Struktur gebunden ist, sondern neue Ideen zulässt“, erklärt Sven Thiemer. Das scheint gut anzukommen, schließlich werden auch – wie aus Bremen – immer wieder externe Gäste begrüßt, die sich zum Beispiel auch über das besondere Raumkonzept informieren und die Ideen gerne aufnehmen. Rund 500 Schülerinnen und Schüler besuchen die IGS aktuell an den beiden Standorten. Etwa 50 Lehrkräfte sind beschäftigt. „Sie nutzen mit viel Engagement die Chance, diese neue Schule mitzugestalten“, lobt Sven Thiemer. Wenn es nach ihm und dem Team geht, soll die IGS weiter wachsen. Sprich: Eine Oberstufe soll entstehen. Diskussionen darüber wurden bereits geführt, auch mit der Politik. Nicht jeder ist begeistert über die Idee, insbesondere bei den anderen Einrichtungen mit gymnasialen Angeboten gibt es Widerstand. Die Eltern der IGS-Schüler aber wünschten sich Kontinuität, gibt Sven Thiemer zu bedenken, der bei der Umsetzung der Pläne auf die Unterstützung von Landesschulbehörde und Bürgermeister setzt. Weitere Gespräche beziehungsweise den Beschluss für eine Elternbefragung müsse es 2018 geben. Wichtig zu betonen: Die IGS arbeite nicht gegen die anderen gymnasialen Einrichtungen vor Ort, sondern sei an einem guten Miteinander und Kooperationen interessiert. Insgesamt, so Thiemer, blicke er optimistisch in die Zukunft.

    Fotos: Thomas Kusch

    Wibke Woyke
    Wibke Woyke
    Wibke Woyke schrieb von September 2017 bis Juni 2020 für die STARK.
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