Schlohs Spargelhof und der Liebling der Nation

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    Hellwege. Noch liegt er und schlummert leise vor sich hin, überirdisch aber bewegt er in Hellwege schon längst die Gemüter. Denn wer denkt, Spargel bewegt nur zwischen April bis Juni, der ist komplett falsch gewickelt. Obwohl die „Frühlingsluft in Stangen“ nur etwa zehn Wochen auf dem Markt ist, bestimmt sie auf Hof Schloh das gesamte Jahr.
    Draußen wütet Orkantief Friederike, durch den Könken Hof wirbelt Friederike Schloh, Landfrau, Betriebsleiterin, Kirchenvorstand und Seele des Betriebs. Denn die Vorbereitungen auf die neue Spargelsaison laufen bei Friederike und Thorsten Schloh Anfang Januar schon auf Hochtouren. „Jetzt fängt die stressige Zeit an“, sagt Betriebsleiter Thorsten Schloh. In der Theorie läuft ab Februar bereits alles super. „Aber dann kommt das Phänomen Mensch dazu.“ 

    Nur zehn Wochen hat der saisonale Betrieb Zeit, um mit Spargel den gesamten Jahresumsatz zu erwirtschaften. Da bleibt in der Hochsaison keine Zeit für Strukturierung und Organisation der Arbeitsabläufe. Alles muss vorher geregelt sein. „In dem Moment, wenn der Spargel wächst, da muss es laufen“, sagt Thorsten Schloh. Denn in der Saison geht es in der Sieben-Tage-Woche morgens um 4 Uhr los, spät abends organisieren sie noch Bestellungen von Händlern und Gastwirten bevor sie dann endlich Feierabend machen können. „Unsere Stube sehen wir zwei Monate gar nicht“. Da bleibt kaum Zeit für Besprechungen und für Privatsphäre erst recht nicht. Jeden Morgen schreibt Friederike Schloh Briefe an die Verkäuferinnen in den Spargelbuden mit selbst erdachten Slogans. „Kurze Stange mit ´nem Kopf, passt in jeden Topf.“ Denn wenn es zu viel von irgendeiner Sortierung gibt, gibt es auch Sonderangebote. „Nach der Saison ist für uns jedes Mal wieder vor der Saison“, so der Landwirtschaftsmeister aus Hellwege. Ziel ist es, sich stetig zu verbessern, aus Fehlern zu lernen und Abläufe zu optimieren. Während des Winters besuchen die Hellweger Landwirte daher Fortbildungen, denn auch in der spargelfreien Zeit lässt der Spargel sie nicht los. Für Thorsten Schloh heißt es außerhalb der Erntezeit die Felder vorzubereiten auf das neue Erntejahr. Seine Aufgabe ist es, den Spargel so lange wie möglich „fit“ zu halten. Dafür haben sie sich für extra breite Reihen zwischen den Spargeldämmen entschieden. Die lassen den Wind besser hindurchwehen, so dass die Pflanzen schneller abtrocknen und die Gefahr von Pilzbefall minimiert wird. Und es bleibt Platz zum Grubbern, so dass deutlich weniger Herbizid zum Einsatz kommt. Sie schlagen damit zwei Fliegen mit einer Klappe, integrierter Pflanzenschutz und Wirtschaftlichkeit durch den Einsatz von Maschinen. Tropfberegnung, die direkt alle 30 Zentimeter auf den Wurzelbereich zielt, gehört auch in diesen Bereich. Denn dadurch wird 80 Prozent Beregnungswasser gespart und die Menge an Pflanzenschutzmitteln verringert. Ab Dezember bestimmen Pflügen und das Auflegen der Folien auf 150 Kilometer Dämme, damit der Spargel in „Stimmung kommt“, Thorsten Schlohs Tage.

    Ab Mitte Februar darf es dann ruhig Frühling werden. Friederike Schloh widmet sich der Auswahl neuer Spargelrezepte, testet sie und macht sich Gedanken über Themen, die Kunden interessieren könnten. Die bringt sie in die hofeigene Infopost. „Die Kunden sollen ja das ganze Jahr an Spargel und Schloh denken“, sagt sie augenzwinkernd. Facebook war erst so gar nicht ihr Ding, jetzt aber hat die Betriebsleiterin es raus und postet Geschichten und „liked“. Ende Januar lädt Friederike Schloh alle Verkäuferinnen zum Neujahrskaffee ein. Eine liebgewordene Tradition, aber auch Gelegenheit, um abzuchecken, wer in dieser Saison wieder mit im Boot ist. Dann geht es auf die Suche nach Personal für die in drei Landkreisen stehenden Spargelbuden. Pro Saison brauchen sie 120 Mitarbeiter. 60 davon kommen als Erntehelfer aus Polen, teilweise schon seit vielen, vielen Jahren. Weitere 60 Mitarbeiter helfen bei der Besetzung der Verkaufsstände, im Büro und als Fahrer. Dazu noch das Hofcafé, das, obwohl sehr personalintensiv, seit fünf Jahren eine tolle Ergänzung zum Hofladen in Hellwege bildet. Das Hofcafé war eigentlich Idee der Kunden, erinnern sich die Hellweger Landwirte, denn die wollten das Einkaufserlebnis im Hofladen gerne „in die Länge ziehen“. Für die Idee hatten Schlohs ein offenes Ohr. Schon als sie den ersten Stuhl für das neue Hofcafé rausstellten, war dieser ruckzuck besetzt. „Wir waren noch gar nicht richtig darauf eingestellt.“ Im vierten Jahr und um viele Erfahrungen reicher, da waren sie dann richtig gut, freuen sie sich heute. Jetzt ist auch das gut organisiert. In einer eigens für das Hofcafé angelegten Mappe in der neu gebauten Großküche werden die Rezepte der Erfolgskuchen der Landfrauen gehütet.

    Die Großküche ist aber nicht nur Herzstück des Hofcafés, sondern auch für die Versorgung der Saisonarbeiter gedacht. Während der Spargelsaison steht hier im alten Schweinestall eine polnische Köchin und kocht für die polnischen Mitarbeiter Rezepte mit dem Geschmack nach Heimat. „Und die Stimmung steigt“, stellen Friederike und Thorsten Schloh mit Freude fest. Denn Wohlfühlmomente und Teamgeist stehen für die Hellweger Landwirte ganz oben auf der Liste. „Ohne unsere Mannschaft können wir einpacken.“ Auch Thorsten Schloh genießt während der stressigen Zeit die polnische Küche. Das ist seine Art von „Diät“, Friederike Schloh setzt in der Zeit auf ihre „Spargeldiät“. Die aber, weil ihr der Spargel so gut schmeckt. Denn sie genießt die Frische, TK ist einfach nichts.
    Noch vor 25 Jahren ging es erst Mitte April zum Spargelstechen aufs Feld, den ersten Spargel gab es dann zum Muttertag und Pfingsten. Aufgrund von Folienmanagement ist auch der Spargelhof Schloh in der Lage die Saison zu verfrühen. „Unsere Aufgabe sehen wir darin, die Kunden glücklich zu machen, aber nicht um jeden Preis“, macht Schloh unmissverständlich deutlich. Und da-rum werden die Spargeldämme zwar in drei Lagen mit Folien abgedeckt, mit einer Bodenheizung aber fangen sie gar nicht erst an. Mit den Folien gehen sie sehr achtsam um, die schwarzen Folien halten acht bis zehn Jahr bevor sie recycelt werden. Und auch die Tunnelfolien haben eine Lebensdauer von drei Jahren. Für lange Haltbarkeit auch bei Stürmen und Orkantiefs werden sie schon im Herbst fixiert.

    WetterOnline und Regenradar sind Thorsten Schlohs Startseite auf dem Smartphone. „Wir können noch so gute Planungen machen, und uns auch Gel in die Haare schmieren, wenn das Wetter nicht mitspielt, dann geht gar nichts.“ Im vergangenen Jahr, erinnert sich der Hellweger Landwirt, haben sie sogar im Schnee Spargel gestochen. Als es noch keine digitalen Temperaturmessungen im Spargeldamm gab, die direkt aufs Handy geschickt werden, schaute Thorsten Schloh einfach in die Eichen. Zeigten die einen zarten grünen Flaum, hieß es „Der Spargel treibt aus“.

    Ihre Arbeitsbereiche haben sich Thorsten und Friederike Schloh klar aufgeteilt. Er ist für Produktion, Aufbereitung und Großhändler zuständig, sie für die Direktvermarktung. Auf 40 Hektar und 150 Kilometer Spargeldämme ernten sie pro Saison 150 Tonnen Spargel, davon zehn Prozent grüner Spargel. In den Verkauf gehen davon 120 Tonnen. Denn gestochen werden mehr Zentimeter als die handelsübliche Länge von 22 bis 25 Zentimetern. Bei der Sortierung fallen dann noch einmal acht bis 10 Prozent ab. „Spargel wächst ja nicht einheitlich“, sagt Schloh. Vor sieben Jahren entwickelten Thorsten und Friederike Schloh eine ganz eigene Spargelsortierung. Und die ist genauso positiv wie ihre Einstellung zum Leben. Denn ob gerade oder krumm, dick oder dünn, der Geschmack bleibt immer der gleiche. „Das ist unser Vorteil als Direktvermarkter, wir können viele Sortierungen anbieten“, stellt Friederike Schloh zufrieden fest. Die heißen dann Premium, Gourmet, Klassik, Knackspargel, Jumbo und Deluxe. Und schmecken tun sie alle. Wichtig ist nur, dass sie sauber und ordentlich präsentiert werden. Ihr Leitspruch lautet „Wer nicht will, findet Gründe und wer will findet Wege.“ Die fand 1963 schon Werner Schloh, der in seiner Gastwirtschaft die Wünsche der Bremer Gäste nach frischem Spargel erhörte. Er startete mit 5 Hektar. 1987 pachtete Thorsten Schloh den Betrieb, schaffte Rindvieh und Schweine ab und spezialisierte sich auf den Anbau von Spargel. Als Landwirte hätten sie zwar Produktion gelernt, Verkaufsstrategien entwickelten Thorsten und Friederike Schloh aber mithilfe von Lehrgängen und ihrer guten Beobachtungsgabe. Sogar beim Einkauf macht die Chefin regelmäßig ihre Studien und beobachtet, wohin Kunden zuerst greifen.

    Anfang 2000 kam die erste von heute vier Schälmaschinen ins Haus Schloh. Davor befreite Friederike Schloh per Hand das edle Gemüse von der Schale. Aber nicht jeder Kunde konnte mit dieser Serviceleistung umgehen, also setzte sie sich hinter einen Vorhang. Da stehen jetzt die Schälmaschinen. Mittlerweile verkauft der Spargelhof Schloh zu 80 Prozent geschälten Spargel, denn das Schälen ist kostenlos.

    1988 eröffneten sie den Hofladen, erst klein und in der weiß gekachelten Waschküche mit Hausmacherwurst, Schinken, Wein und Marmelade, eben das, was in allen Hofläden so stand. Von dieser sterilen Atmosphäre haben sie sich mittlerweile meilenweit entfernt, nicht zuletzt durch Feng-Shui. Mithilfe besonderer Farbelemente, Pflasterung, Bepflanzung und Dekoration erhöhte sich die Verweildauer der Kunden. Eigentlich ist Thorsten Schloh für so ein Gedöns nicht zu haben, beim Hofladen aber überzeugte ihn Feng-Shui komplett. Aus 25 Quadratmetern wurden 100 auf der ausgebauten Diele und zu Spargel und Kartoffeln verkaufen sie nun selbst gebackene Kuchen, Konfi-
türe, Liköre, Sirups, Spargelquiche und -pizza. Spargelgerichte allerdings die überlassen sie ihren gastronomischen Nachbarn. „Wir vermitteln ein Gefühl von heiler Welt“, beschreibt der Hellweger Landwirt das besondere Erlebnis in Hofladen und -café. Er machte die Erfahrung, dass sich Fremde gemeinsam an einen Tisch setzen, um als „Freunde“ wieder zu gehen. Ende März beziehungsweise zu Ostern ist es Thorsten Schlohs erklärtes Ziel, den Hofladen mit Spargel zu eröffnen. Anfangs hatten ihre Erntehelfer Sorge, überflüssig zu werden. Denn der Kirpy, der seit sechs Jahren als Spargelvollernter auf Hof Schloh im Einsatz ist, arbeitet schnell. Einziger Fehler, er erntet den gesamten Damm ab, unabhängig von der Stangenlänge und kann bei Tunnelanlagen nicht eingesetzt werden. Dafür haben nur die Mitarbeiter ein Händchen. Und so kommt Kirpy nur in Spitzenzeiten zum Einsatz, wenn die Temperaturen den Spargel sprießen lassen. Acht Zentimeter pro Tag bei 30 Grad Celsius. Die Anzahl an Erntehelfern haben Friederike und Thorsten so berechnet, dass sie auch an kalten Tagen, wenn das Wachstum nur langsam voran geht, Arbeit haben. An heißen Tagen kommen die Helfer mit dem Spargelstechen kaum hinterher. Sind sie am Feldende angelangt, können sie gleich vorne wieder beginnen. Das ist dann Kirpys Zeit. An kalten Tagen ernten sie 300 Kilogramm, an Tagen mit 25 Grad Celsius sind es 8000 Kilogramm. „Das ist auch der Grund, weshalb der Spargelpreis in der Saison so variiert“, klärt Landwirtschaftsmeister Schloh auf. Nie können sie zehn Tage im Voraus planen, täglich überlegen sie, zu welche Konditionen sie vermarkten. Und auch der Geschmack der Kunden ist wetterabhängig, stellten Schlohs im Laufe der Jahre fest. Gutes Wetter macht eben großen Appetit auf Spargel.

    „Der Spargel ist heute frischer als früher“, macht Betriebsleiter Schloh deutlich. Denn heute kommt das Lieblingsgemüse schnell vom Feld zum Waschen und in die Kühlung. Früher lag der gestochene Spargel stundenlang in der Wärme und Umsetzungsprozesse machten ihn schlapp. Am 24. Juni endet die Spargelsaison, um den Johannitrieb zu schonen. Dann heißt es, Folien aufwickeln, damit der Aufwuchs durchgrünt. Auch nach vielen Jahren noch liegt der Asparagus Thorsten und Friederike Schloh am Herzen. Er bewegt sie und gerade zu Anfang der Saison essen sie ihn häufig. Größer wollen sie in absehbarer Zeit erst einmal nicht mehr werden, besser aber jedes Jahr aufs Neue.

    Fotos: Sandra Beckelfeld

    Sabine von der Decken
    Sabine von der Decken
    Geboren 1957 in Nordrhein-Westfalen, Studium der Diplom-Biologie in Bremen und Oldenburg. Seit mehr als 20 Jahren freie Mitarbeiterin Weser Kurier Bremen, arbeitet zudem für Fachmagazine wie Land und Forst und Gartenbauprofi.
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