JBS – die Kuh vor der Tür

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    Visselhövede. Den Kaffee serviert er im ersten Stock, quasi zwischen Tür und Angeln. Das hat auch symboli- sche Wirkung. Selbst ist der Mann! Das gilt gleichsam für die Mitarbeiter, denn auch für die Gäste. Wofür hat man schließlich auch einen Automaten mit vielen Tasten?! In den langen Gängen der Firmenzentrale erregen hochkant postierte Birkenstämme und pflanzenreiches Grün zwar kein Aufsehen, wirken vielmehr erheiternd, beinahe schon unterhaltend auf den Besucher. Der Chef: „Gefällt`s Ihnen nicht?“ Doch schon, aber ungewöhnlich erscheint die Zierde für einen so großen Bürokomplex. Wohl aber höchstwahrscheinlich anregend für das Betriebsklima, dass der Chef nicht von oben kreiert, sondern aus der Parterre dirigiert. Wo andere Firmenlenker zumeist mit Panoramablick nach außen – den Größenverhältnissen ihres Unterneh- mens entsprechend – über Optimierung und Rentabilität nachsinnen, Programme schmieden, Weichen stellen und den Cash- flow allzeit im Auge haben, da ist Joachim Behrens weitaus anders drauf. Das ist wie mit dem Kaffee: je einfacher, desto praktischer. 

    Foto: Steffi Stuber

    Hier unten ist seine Welt. Unmittelbar neben dem Eingang des langen Backsteingebäudes residiert er. Ein Raum, so ganz und gar ohne Chef-Allüren. Jeder x-beliebige Mitarbeiter könnte hier schaffen. Leder – ist wo? Andere notwendige oder überflüssige Utensilien höherer Unternehmensphilosophie sind nicht in Sichtweite. Nur das Übliche: Tische, Stühle, Technik. Schnörkellos. Die Sache zählt. Und deshalb sitzt er hier unten. „Wir haben bewusst offene Türen. Und dieser Raum ist für mich ein zentraler Ort“. In zwei, drei Sätzen hat Joachim Behrens sein unternehmerisches Credo charakterisiert. So nah dran wie nur möglich. Das gilt intern, denn zugleich für die Firma nach außen. Der Kunde ist stets der Blickpunkt. 25000 Potentielle. Etwa die Hälfte davon genießt den betont nachhaltigen Service der Joachim Behrens Scheeßel GmbH längst. Und das ist auch schon das Stichwort: Service, bei dem der Mann mit der gräulichen Borstenfrisur in einen Redeschwall gerät. Da hält ihn nichts. Wie ein Professor vor geballter Studentenschar doziert Behrens seine, wie er es nennt, „dienende Leiterschaft“. Die umfangreiche für die Landwirtschaft bestimmte Produkt-Palette der jbs, Spezial-Erzeugnisse wie Folien verschiedenster Art und Größe, ein Fein-Sortiment an Futtermitteln, Hygiene- und Biogasprodukte, soll eben nicht nur Kunden finden, sondern diese auch an seine Verkaufsorganisation binden. „Alles, was wir tun, muss anderen dienen“, lautet für Joachim Behrens die Formel Erfolg. Oder anders formuliert: Behrens will, das „etwas Nützliches“ dabei herauskommt, wenn die Menschen da draußen mit seinen rund 50 Mitarbeitern der Verkaufsabteilung „in Kontakt kommen“. Überwiegend per Telefon. Geschult, programmatisch, eloquent. Diesen An-spruch erhebt er, daran misst er sich selbst und seine Angestellten und weicht kein Jota davon ab.

    Foto: Steffi Stuber

    Sein Unternehmen ist rapide gewachsen, seitdem er 1989 seinem Vater zu 90 Prozent den Betrieb mit 15 Mitarbeitern und zwei Millionen Mark Umsatz „abkaufte“. Es war wohl allerhöchste Eisenbahn, dass der damals 27-jährige sich ins Zeug warf und ins Obligo ging. Behrens im Rückblick: „Die Firma ging zu diesem Zeitpunkt auf dem Zahnfleisch.“ Frisches Geld kam, neue Energien schufen sich Raum, Synergien wurden gebildet. Und Behrens trieb an. Das, was man unter einem quirligen Menschen versteht, steckt unverkennbar bis heute in ihm: geistig wendig, analytisch scharfsinnig und eloquent wie aus einem Guss. Ein Instinkt-Unternehmer! Einer, der fühlt was geht, der antizipiert, was man besser sein lässt. Joachim Behrens interveniert kurz. „Ja, meinen Sie? Ich weiß nicht. Aber mein Bruder, der hat diesen Instinkt, den Sie wohl damit meinen“. Sein Bruder Hagen, einen halben Kopf kleiner als der Chef, ist denn wohl nicht umsonst der Primus in Verkauf und Marketing. Wir lernen ihn kurz kennen, dann ist er aber auch sogleich wieder verschwunden: Kontakte rufen. – Alles dreht sich hier um eins: die Milchkuh. Draußen vor der Tür wird dieser Fokus durch eine Reihe bunter Attrappen symbolisiert. Joachim Behrens lässt erkennen, dass er darauf stolz zu sein scheint. Die Kuh, quasi als ein Aushängeschild, als Eyecatcher, als Sinnbild eigener unternehmerischer Leistung. Der 55-jährige fasst es so zusammen: „Als Vollsortimenter in punkto Kunststoff-Plane sind wir sicherlich für die Landwirtschaft ein gewichtiger Partner geworden.“

    Die Landwirtschaft, insbesondere die mit der Kuh, der Milch und deren marktwirtschaftlicher Ausrichtung – die Milchpreise fallen und steigen nicht selten mit trampolinartigem Effekt – hatte in den vergangenen Jahren arg zu knapsen. Bei 22 Cent je Liter Milch beim Verkauf an die reichlich schöpfenden Molkereien haben Bauern nicht nur Kopfschmerzen. Existenz-Gedanken treiben sie um. Joachim Behrens weiß das nur zu genau. Wenn es innerhalb seiner Klientel brodelt, dann muss auch er das Wort Krisenmanagement öfter als ihm lieb ist buchstabieren. „So eine Krise über eine Dauer von zweieinhalb Jahren kannte die Branche bisher nicht“, betont Joachim Behrens Diese „Durststrecke“ zu überstehen, nahm für die jbs eine glückliche Wende: der Umzug von Scheeßel nach Visselhövede und mithin der Erwerb des 19-Hektar umfassenden ehemaligen Bundeswehrgeländes Lehnsheide an der Straße nach Ottingen. Zum einen war das Objekt „bezahlbar“ und zum anderen trotzte sein Unternehmen mit der schnellen Übernahme der mannigfachen Gebäude dem landwirtschaftlichen Tiefgang. „Wir haben von der Einquartierung der Flüchtlinge als neuer Vermieter natürlich profitiert. Das war nicht unerheblich für uns“, gibt Behrens Einblick in die damals schwierige Situation.

    Foto: Steffi Stuber

    Ja, dieser Standortwechsel! Was treibt ein alteingesessenes Unternehmen zu dieser Art von Rochade? Und das ausgerechnet nach Visselhövede, nicht eben der Nabel der Welt und an Attraktivität kein Tauberbischofsheim. Das Objekt, seine Struktur als Kaserne, haben Joachim Behrens und seine Frau – seine bessere Hälfte bezieht er mehr als einmal explizit mit ein – offenkundig gereizt, diese und keine andere Entscheidung zu treffen. Und in Scheeßel, der Heimat des Familienclans, war offensichtlich kein Platz mehr zu haben, um das Unternehmen ausbauen zu können. „Scheeßel“, betont der jbs-Chef, „ist da nicht gut aufgestellt.“ An der Vissel ist Behrens und seine Mannschaft „freundlich“ aufgenommen worden. „Uns gefällt es hier. Der Austausch mit der Stadt ist so, wie wir uns das vorstellen. Wir werden hier nicht alleingelassen.“ Was Wunder: Bürgermeister Göbel war, ist in Scheeßel als Ex-Schulleiter stadtbekannt. Da lässt es sich leichter kommunizieren. Wie überhaupt: Bauernfreund Behrens hält von der Stadt mit dem markanten Kirchturm viel. Er ist geradezu euphorisch: „Das Stadtbild ist doch sehr ansehnlich und als Einzelhandels-Zentrum attraktiv.“ Außerdem seien in Visselhövede viele gewerbliche Einheiten zu Hause. Betriebe, die manche Arbeitsplätze vorhielten. Behrens: „Das heißt, die Menschen müssen nicht immer unbedingt weg von hier, um einen Job zu finden.“ Im übrigen, die Initiativen in der Stadt seien doch wünschenswert und hätten Anerkennung verdient. Joachim Behrens ist vollends begeistert von den drei Markt-Veranstaltungen, die nach seiner Einschätzung „doch alle gut laufen“. Und dann gerät er ins Schwärmen, fällt das Wort Kultur im Gespräch. Auf seinem Campus, der vornehmlich gewerbliche Aktivitäten anziehen und integrieren soll, reift kulturelles Leben heran. In persona Willi Reichert. Das Turmdenkmal dreht hier das Rad. Und Joachim Behrens („Ich bin da nicht sonderlich vernetzt!“) ist Feuer und Flamme. Sein Jubel klingt so: „Die Kulturszene hier in Vissel ist doch geil!“ Vielfalt ist angesagt. „Bei der Größe der Stadt ist das wirklich viel“, holt er aus und spricht gar von „einem Pfund“, das man hier habe. Macher Behrens: „Wer nicht gar zu stumpf ist, der hat doch Freude daran, dies hier alles zu sehen, zu erleben,“ wird er geradezu philosophisch. – Das Terrain, auf dem er nunmehr sitzt und arbeitet, liegt ihm sehr am Herzen. 35.000 Quadratmeter werden bereits genutzt, aber 18.000 nennt er „Reserve“, liegen (noch) brach. Er weiß, das er wohl nicht jeden Quadratmeter seiner neuen, üppigen Immobilie wirtschaftlich sinnvoll gestalten kann, aber, so konstatiert er unmissverständlich: „Es gibt Anzeichen dafür, dass das Gesamtkonzept aufgeht.“ Doch das kostet Geld. Wie viel, sagt Behrens nicht. Aber gehörig investieren musste er, um das Räderwerk in Gang zu schieben. „Wir sind keine Hasardeure“, wirft er beherzt ein um dann sogleich die Maxime vorzugeben: „Aus der Kraft des Unternehmens können wir das unternehmen, was wir meinen, unternehmen zu müssen, ohne Schaden zu nehmen!“

    Foto: Steffi Stuber

    Die Mieterträge, die für die vermieteten Projekte bereits auflaufen, sind dafür gedacht, die Gebäude, ob genutzt oder nicht, in Schuss zu halten. Wenn Joachim Behrens allerdings an die Wiese denkt, die ehedem mal ein sportlicher Leckerbissen für die Rekruten darstellte, dann hat er auch noch keinen schlüssigen Plan. Das Gras wächst auf dem verwaisten Sportplatz unaufhörlich und lediglich die rotmarkierte Laufbahn erinnert an sportliche Aktivitäten. Analog der Turnhalle, die zwar in die Jahre gekommen ist, aber, so deren Neu-Eigentümer, noch voll funktionstüchtig sei. Für das sportliche Ensemble einen Nutzbringenden zu finden, das schätzt Besitzer Behrens realistisch ein, das hat so seine Tücken, denn allein die Heizkosten in der Halle dürften kein Pappenstiel sein. Behrens: „Wir lassen das mal auf uns zukommen. Wenn nichts gehen sollte, ist eine Lagerhalle immer noch drin und das andere“, ein Schmunzeln huscht über sein Gesicht, könne man ja umpflügen.

    Foto: Mark Intelmann

    Umgedreht haben dürfte der studierte Volkswirtschaftler – Kommilitone in Paderborn und Nottingham – wohl schon eine ganze Reihe seiner Mitarbeiter, denn in punkto Personalmanagement und Verkaufsstrategie scheint jbs regelrecht ein Pfiffikus zu sein. „Der Verkauf“, sinniert er laut, „war immer mein Ding. Schon mit 14 Jahren haben mich meine Eltern auf Ausstellungen mitgenommen. Da ging`s schon los!“ Und in einer auf Direktvermarktung getrimmten Verkaufsorganisation wie seiner, weiß er natürlich haargenau wie die Uhren ticken. Die Fluktuation der Mitarbeiter ist überdurchschnittlich. „Das ist doch auch klar“, klärt Behrens auf, „wer als Verkäufer gut ist, kann sich auch selber gut verkaufen.“ Damit seine Schäfchen, möglichst die Guten, an Bord bleiben, hat er sich beizeiten seines eigenständigen unternehmerischen Handelns seines Pastors von einst in Scheeßel erinnert, der im Kirchenkreis die Jugendarbeit inspirierte. Im Rückblick: Der gute Mann ließ das Jungvolk gewähren, Eigenständiges zu meistern. „In dieser Struktur habe ich gelernt zu denken und zu handeln“, bringt er eine seiner Lebensmaximen auf den Punkt um dann mehr erklärend als besserwisserisch hinzuzufügen: „Junge Menschen zu überfordern halte ich nicht unbedingt für dramatisch; es hat gleichwohl auch den Effekt: sie lernen sich mehr zuzutrauen.“

    Foto: Steffi Stuber

    So denn hält Joachim Behrens auch nichts von Jammerei, nicht in seinem eigenen Beritt, nicht allgemein, was die zuweilen schwankende Landwirtschaft betrifft. „Wir dürfen uns nicht damit abfinden“, verrät er ein weiteres Essential seiner Unternehmer-Philosophie, „dass es schlecht läuft, schlecht ist oder gar schlecht zu sein. Nein, der Kuchen ist groß, da kann man sich ein passendes Stück rausschneiden.“ Mit ungeliebten Begebenheiten findet sich der Dreifach-Vater nun einmal nicht ab. Muss er offenbar auch nicht. Seine Mitarbeiter an der Verkaufsfront generieren jährlich 28 Millionen Euro Umsatz. Das untrügliche Gespür des Joachim Behrens trägt daran wohl einen entscheidenen Anteil: „Was können wir wann mit wem zusammen machen!“

    Hans Richelshagen
    Hans Richelshagen
    Artikel von Hans Richelshagen erschienen von 2017 bis 2018 in der STARK.
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