Kalle das Kabel – Hidden Champion

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    Visselhövede. Zwei junge Männer, so um die zwanzig, packen um die Wette. Pakete werden zugeklebt, die Adressaten schriftlich darauf fixiert. Fertig. Das Nächste. Das geht in Windeseile. Muss es denn auch, schließlich ist das hier kein Geschäft wie viele andere. Die Regale sind vollgefüllt mit Bau-Materialien, kleine und kleinste. Und Schleifscheiben in allen Facetten, Bohrkronen, Elektro-Werkzeuge noch und nöcher, und Dichtfolien, wenn`s im Badezimmer mal regnen sollte. Was gibt es hier eigentlich nicht zu kaufen? Vor allem sind es Kabel, die ins Auge fallen. In Hülle und Fülle liegen sie aufgerollt parat für die Weitergabe. Würde man das alles zählen, was hier zum Verkauf präsent ist, so käme man in der Addition auf nahezu 2500 Artikel der verschiedensten Art. Das Online-Business blüht mehr und mehr, hat das Gesellschaftsbild radikalisiert.

    Noch haben sich Benjamin Marquardt und Sascha Michaelis gewissermaßen mit ihren tausendfachen Aktivitäten versteckt. In der Johann-Philipp-Reis-Straße in Visselhövede residieren sie sozusagen am Ende vom Lied. Um sie herum, im Gewerbegebiet, wächst noch viel überflüssiges Gras und anderes Grünzeug. Diesen Freiraum wollen sie nutzen. Müssen sie wohl auch, denn ihr rechteckiger Firmenbau platzt allmählich aus allen Nähten. „Wir sind jetzt seit drei Jahren hier, aber die Entwicklung unseres Geschäfts überrollt uns zusehenst förmlich, sodass wir über kurz oder lang nicht umhinkommen werden, ein zweites Firmengebäude auf dem Gelände zu platzieren“, sagt Benjamin Marquardt. Er und sein Freund, beide Mitte 40, schmeißen den Laden, den sie Btec 24 nennen, wenngleich sie offiziell unter dem Firmennamen MVM Trading firmieren. Offenkundig haben sie mit ihrer Idee voll ins Schwarze getroffen: Online ist omnipräsent beim Kunden, weil es eben so einfach ist. Das ist zugleich das Stichwort: Schnell muss es gehen, was soviel heißt: kurze Lieferzeiten. Was heute bestellt wird, muss spätestens morgen den Kunden erreichen. Da gibt es für die beiden Macher kein Wenn und kein Aber. Das ist quasi Gesetz. „Für uns bedeutet dieser schnelle Service zugleich Transparenz für den Kunden: Er erreicht uns und wir ihn ohne Umschweife“, umreißt Benjamin Marquardt logisch und bündig die Firmen-Philosophie.

    Klingt wie Donald der Duck. Dass sie mit baulichen Produkten ihren Online-Handel spezifizieren wollten, lag zu Beginn 2008 eigentlich auf der Hand. Marquardt entstammt dem Handwerk. Sein Vater war Elektrotechniker. Er schmunzelnd und sagt: „Ich bin insofern elektrifiziert aufgewachsen“. Ja, die oder das Kabel haben es den Beiden besonders angetan. Wenngleich sie das Gros ihres Verkaufs-Tableaus von Herstellern beziehen, so sind sie doch auch Produzent. Und dieses Kabel, was sie da in Eigenregie zusammenstecken, mechanisch und wenigen Handgriffen, ist wohl so etwas wie ihr Markenzeichen, bestimmt vornehmlich für Camper, Bootsbetreiber und Schaustellerbetriebe. Und sein Name ist prägnant und witzig, klingt nach Patent und Donald Duck gleichermaßen, auf alle Fälle ist „Kalle das Kabel“ für den Absatz förderlich. Wieder Benjamin Marquardt: „Durch dieses Eigenprodukt ist eine Menge Dynamik in der Firma entstanden“. Ursprünglich sollte das produktive Aushängeschild „Fritz das Kabel“ heißen. Auch nicht schlecht, weil markant und amüsant zugleich. Aber „Fritz“ passte einem Global-Player nicht und so musste die Werbeagentur noch einmal ran und aus „Fritz“ wurde jener „Kalle“, der das Bild der Firma heute symbolisiert: Gewusst wie! Mit Organisations-Riesen wie Amazon und Ebay hat ihre Produkt-Palette eine vertriebliche Umdrehung erreicht, die den Umsatz von Jahr zu Jahr um 20 bis 25 Prozent in die Höhe schnellen lässt. „Wir wollen in Zukunft noch mehr eigene Produkte implementieren“, projiziert Benjamin Marquardt künftige Aktivitäten an die Wand.

    Mithin dürfte es nicht verwundern, wenn die Btec-Initiatoren sich den einen oder anderen Verkaufsrenner demnächst noch einfallen lassen werden, wenn sie ganz und gar selbst in ihrer Firma agieren. Denn beide sind noch anderweitig aktiv: Der eine in Bremen, der andere seit 17 Jahren in Achim als Notfall-Sanitäter. „Ich denke“, sagt Benjamin Marquardt, „diese Konstellation hat unserem Betrieb Liquidität eingebracht, die wir für eine positive Entwicklung genutzt haben.“ Der jeweilige Status quo der Beiden wird sich jedoch ändern, ändern müssen. Mit einer baulichen Erweiterung ist eine dauerhafte Präsenz beider Chefs wohl unabdingbar, zumal, „je größer wir werden, umso schwieriger wird es, geeignetes Personal zu finden“. Sechs feste Mitarbeiter und zwei Aushilfen sind es akut. Was in Kirchwalsede begann („Da war alles voll, da war kein Platz mehr!“), auf einer kleinen Hofstelle im Ortsteil Schwitschen mit einer Mitarbeiterin „fröhlich“ fortgesetzt wurde, ist mittlerweile zu einem Sortiment an Waren expandiert, das nicht lange in irgendwelchen Regalen verharrt. Online bewegt sich, Online dreht sich. Hierzulande vor allem im Süden. Die beiden Verkaufaktivisten verstehen sich aber nicht als Konkurrenz zu Baumärkten oder dergleichen, „weil wir keine oder nur sehr wenige Reibungspunkte haben“. Gleichwohl scheinen sie motiviert zu sein, das Rad mit „Kalle und dem Kabel“ noch schneller drehen zu lassen. Was zu diesem noch-besser, noch-schneller beitragen soll, ist eine punktuell treffende Werbung. „Kalle“ im Radio (21). In einem Monat zu hören, für zunächst fünf, um zu probieren wie online à la Visselhövede im Lande vermehrt sich buchstäblich verkabelt. Denn Kabel ist für die beiden findigen Macher nicht gleich Kabel. Sie wollen noch mehr von diesen Typen, diesen „Kalles“ selber austüfteln und ergo vermarkten. Warum? Ganz einfach, „um von dem Müll aus China wegzukommen“.

    Fotograf: Thomas Kusch

    Hans Richelshagen
    Hans Richelshagen
    Artikel von Hans Richelshagen erschienen von 2017 bis 2018 in der STARK.
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