Karl-Hein Voßmeier – und sein Wohnzimmer in der Stadtkirche

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    Rotenburg. Sein Büro ist geprägt von Arbeit, vielen Büchern, noch mehr Papier und unbequeme Stühle für Besucher. Sein Wohnzimmer liegt auf der anderen Straßenseite und hat Strebepfeiler, mehrbahnige Fenster und meterhohe Decken. „Das ist mein Wohnzimmer“, sagt Karl-Heinz Voßmeier und blickt voller Freude in das große Kirchenschiff der Rotenburger Stadtkirche. Wohlfühl- und Zufluchtsort ist sie ihm, der hier seit 33 Jahren als Kantor tätig ist. Langsam aber nimmt er Abschied, denn Ende Januar ist es soweit, dann geht der 65-Jährige in Ruhestand. Nicht sehr gerne, eher gezwungenermaßen, denn am liebsten hätte er noch zwei Jahre oder mehr dran gehängt. Die H-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach war sein letztes großes Konzert, der Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum sein letztes großes Projekt mit Orgel, Orchester, Chor und Solisten. „Es folgen zwar noch Gottesdienste, aber das war die letzte Veranstaltung mit großer Kirchenmusik.“ Die absolut letzte Kirchenmusik unter Voßmeiers Ägide findet am 27. Januar mit „Evensong“ in der Stadtkirche statt. Viel Musik, biblische Lesungen und Gebete, ohne Predigt, verspricht er für den aus Großbritannien und der anglikanischen Kirche stammenden Gottesdienst. „Die englische Chormusik ist süffig und zu Herzen gehend.“ Evensong ist keine Premiere zum Abschied, es gab ihn schon mal in Rotenburg.

    Nach dem Abitur packte der Ostwestfale seinen VW-Käfer voll und ab ging es Richtung Freiburg zum Studium der Kirchenmusik. Das schloss er mit dem höchsten Examen, der A-Prüfung ab, der Konzertreife für Kirchenmusik mit hohem künstlerischen und musikalischen Anspruch. 1984 sprang der A-Kirchenmusiker dann in Rotenburg mit 32 Jahren ins kalte Wasser. „Hier fand ich eine neue Orgel und gewisse Traditionen vor.“ Mittlerweile ist es nicht mehr nur die Klais-Orgel, sondern seine Orgel, von der er liebevoll spricht. Während der 33 Jahre in Rotenburg probierte Voßmeier verschiedene Formate wie Orgelvespern, Orgelwochen, Chorarbeit mit Kindern, JugendKantorei und Kammerorchester aus. „Das ist heute Schnee von gestern“, sagt er leicht ernüchtert. Denn alles wurde im Laufe der Jahre weniger. Seine Leidenschaft aber und sein Engagement verringerte sich während der drei Jahrzehnte nicht, auch wenn er sich immer mal wieder an der Administration rieb. Es gab kein Jahr, so der Rotenburger Kantor, in dem nicht zehn bis zwölf oder mehr Konzerte stattfanden.

    Sein Vorgänger in der Rotenburger Stadtkirche vermachte ihm nicht nur die Stelle als Kantor, sondern auch noch den „Nebenjob“ des Orgelsachverständigen. Seitdem betreut er als Orgelrevisor der Hannoverschen Landeskirche 150 Orgeln zwischen Walsrode und Syke, Osterholz-Scharmbeck und Eystrup. Zum ganz normalen Geschäft gehört da die regelmäßige Visitation der Orgeln alle sechs Jahre. Gerade in letzter Zeit trifft er immer wieder auf Schimmel in den Orgeln. Ein Zustand, der, so vermutet Voßmeier, mit der Klimaveränderung, aber auch der schlechten Belüftung durch zu gute Isolation der Kirchen in Verbindung stehen könnte. Seine Orgel, sagt er erfreut, hat kein Schimmelproblem. „Auf einer Arp-Schnitger-Orgel kann man besser alte Meister und auf einer romantischen Orgel besser romantische Literatur spielen, auf meiner Orgel aber kann man alles gut spielen“, so der Kantor aus Überzeugung über seine moderne Orgel aus dem Jahr 1983. „Ich weiß nicht wie viele Töne ich hier schon gespielt habe, wie oft ich die Treppe zur Orgelempore hinaufgestiegen bin, wie viele Stunden oder Tage und Nächte ich in Kirche verbracht und wie oft ich „Lobe den Herrn“ gespielt habe, sagt er nachdenklich und voller Wehmut. Denn der Abschied fällt ihm schwer. Die Orgel aber wird ihm als Künstler und Sachverständiger bleiben, und wenn alles gut läuft vielleicht auch seine Orgel. „Es ist einfach mein Lieblingsinstrument“, stellt er nüchtern fest. Was ihm fehlen wird im Ruhestand, ist die Arbeit mit dem Chor und als Dirigent. Verrückte Sachen hat er im Laufe der drei Jahrzehnte auf die Beine gestellt, wie szenische Darbietungen in Zusammenarbeit mit Wolfgang Bachmann „oratorium in szene“. Für Voßmeier stand in seiner Arbeit immer auch der kirchenmusikalische, theologische und geistliche Aspekt im Vordergrund. Die H-Moll-Messe war da noch einmal ein ganz besonderer Höhepunkt, denn die berührte so manche Rotenburger Seele.

    Während 33 Jahren sei die Musik immer so geblieben wie sie war, nur das „Drumherum“ war für Rotenburg unter Voßmeiers Leitung ein neues Format. Orgel- und Kirchenmusik ist ein Nischenprodukt, da macht sich der Kantor nichts vor. Und im Laufe der Jahre hat er auch das abnehmende Interesse daran miterlebt. Um sie frühzeitig schon mit Klassik vertraut zu machen, arbeitet Karl-Heinz Voßmeier mit Kindern im Alter von vier bis sechs Jahren, lässt sie in die Orgel kriechen, in die Pfeifen blasen und Mozart hören. Er glaubt an die Kraft der alten Choräle und Sprache. Bach und Luther holten die „Gassenhauer“ in die Kirche erzählt er, manche modernen Gassenhauer sind seine Sache nicht. Kirchenmusikprogramme zu erstellen, war während der drei Jahrzehnte keine Schwierigkeit für den Rotenburger Kantor. Um dafür aber finanzielle Mittel zu generieren, musste er sich immer mehr ins Zeug legen. 9 to 5 ist seine Sache nicht, er ist emotional engagiert. „Wenn man selber Feuer in sich hat, oft über seinen Schatten gesprungen ist, dann kann man auch Leute bewegen“, so der Kirchenmusiker der Stadtkirche Rotenburg und Kirchenkreiskantor für den Kirchenkreis Rotenburg. Sein größter Wunsch wäre es, einmal die historische Orgel in Altenbruch und die moderne des Doms in Speyer zu spielen.

    Fotos: Mark Intelmann

    Sabine von der Decken
    Sabine von der Decken
    Geboren 1957 in Nordrhein-Westfalen, Studium der Diplom-Biologie in Bremen und Oldenburg. Seit mehr als 20 Jahren freie Mitarbeiterin Weser Kurier Bremen, arbeitet zudem für Fachmagazine wie Land und Forst und Gartenbauprofi.
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