KIR Tanzhaus – Folk Ball

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    Rotenburg. Was ist ein Tanzhaus? Da stellen wir uns mal ganz dumm – und fragen zwei Rotenburgerinnen, die es wissen müssen: Heike Tetzlaff, 55 Jahre, Psychologin, und Claudia Meier, 46 Jahre, Grundschullehrerin. Beide gehören dem Organisationsteam für die Veranstaltungsreihe an, die unter dem Dach der Kulturinitiative Rotenburg (KIR) stattfindet. Zusammen mit Hartmut Eichhorn, Bernhard Wagner und Leonore Ertz machen Tetzlaff und Meier diesen Job seit 2012. Heike Tetzlaff definiert die Sache so: „Tanzhaus oder Folk Ball, darunter versteht man internationalen Tanz mit Live-Musik, teilweise auch mit Anleitung. Man braucht keinen festen Partner, muss keine Schritte können und kann kommen, wann man Lust hat. Das ist alles sehr locker und entstresst.“ Wer den Begriff noch nie gehört hat, wird überrascht sein, dass es eine etablierte Szene für derartige Events gibt. Insider wissen genau, wo in Deutschland der nächste Folk Ball angeboten wird. Schon sind wir mitten drin in der Gründungsgeschichte der KIR-Tanzhäuser: „Wir wollten etwas zum kulturellen Leben beitragen, was es vor Ort noch nicht gab“, sagt Claudia Meier. „Und wir wollten zum Tanzen nicht immer nach Hannover, Bremen oder Lüneburg fahren müssen.“ 

    Die beiden Frauen sind schon lange Fans der offenen Folk Bälle. Heike Tetzlaff nimmt nicht nur als Tänzerin teil, sondern auch als Musikerin. „Ich bin seinerzeit von einer Bremer Band angesprochen worden, die bei solchen Gelegenheiten spielt“, sagt die Klarinettistin, die sich freut, dass sie das eine Hobby mit dem anderen verbinden kann: „Manchmal teilen sich zwei Gruppen den Abend. Dann kann man tanzen und musizieren.“ Alle sechs bis ?? Wochen verwandelt das Orga-Team die Aula der Stadtschule in der Freudenthalstraße also in einen Ballsaal. Dazu braucht es a) eine Musikgruppe, die traditionelles Liedgut mit modernen Einflüssen beherrscht, und b) einen kundigen Anleiter. „Das sind versierte, gute Tänzer, die sich in dem Metier richtig auskennen“, sagen die Organisatorinnen. „Denn mit den unkomplizierten und schnellen Ansagen steht und fällt das Ganze.“

    Womit sich die Checkliste um den Buchstaben c) erweitert, nämlich um das eingespielte Team. „Meistens arbeiten die Musiker immer mit denselben Tanzanleitern zusammen. Ohne Absprachen geht es nicht. Man muss schon wissen, welches Tempo für einen Tanz funktioniert und wie oft welcher Teil wiederholt werden soll.“ Bleibt noch Buchstabe d) – die Tänzer. Um die 50 Leute erscheinen normalerweise pro Abend, der Spitzenwert in Rotenburg lag bei 65 zahlenden Gästen. „Ich staune immer“, sagt Tetzlaff, „aber wir bekommen regelmäßig Zulauf aus dem Bremer Raum, manchmal auch aus dem Kreis Osterholz.“ Und dann geht’s rund: mal etwas komplizierter, mal etwas einfacher, aber immer mit Schwung und quer über die Ländergrenzen hinweg. Da gibt es Kreistänze aus dem Balkan und aus Israel mit ungeraden Takten, sogenannte „Mixer“ (mit Partnerwechsel) oder die meist englischen „Gassen“. „Jede Choreografie hat ihre speziellen Herausforderungen“, sagen die Frauen aus dem Orga-Team. „Man muss schon wach sein.“

    Foto: Mark Intelmann

    Wer noch nicht wach ist, der wird es im Laufe des Abends. Getanzt wird „nach Lust, Laune und Durchhaltevermögen“, sagt Heike Tetzlaff. Das heißt: mindestens von 20 bis 23 Uhr, manchmal aber auch länger. Wobei niemand gezwungen ist, ohne Pause durchzumachen. „Die Aula ist ganz gemütlich ausgestattet mit den Kinositzen aus dem Stadtkino“, sagt Tetzlaff. „Zur Erfrischung bieten wir die gastronomische Grundausstattung an: Wasser, Bier, Wein, Apfelschorle.“ Alles kann, nichts muss – das ist die Devise beim Rotenburger Tanzhaus. So ist es vollkommen in Ordnung, Live-Musik und Gesellschaft vom Kinositz aus zu genießen, weil man sich für das Tanzen nicht fit genug fühlt. Genauso selbstverständlich ist es, sich seine Wasserflasche von zu Hause mitzubringen, statt sie vor Ort zu erwerben. Selbstversorgung? Kein Problem. Den Verzicht auf einen Verzehrzwang haben die Organisatoren bewusst beschlossen. Er ist Teil des Konzeptes, ein Kulturangebot zu schaffen, das allen Menschen offensteht – auch Personen mit schmalem Geldbeutel. Acht Euro zahlen Gäste für den Abend, ermäßigt sechs Euro, für Geflüchtete ist die Teilnahme gratis. Eine kleine Gruppe von vier bis acht Personen nimmt dieses Angebot gerne an. „Da kennt man sich schon“, sagt Tetzlaff. Profit zu machen, das steht nicht auf der Agenda des Rotenburger Tanzhauses. „Schon die Schwarze Null herzustellen, ist nicht einfach.“ Mit den Einnahmen müssen in erster Linie die Bands bezahlt werden, „wobei auch die für kaum mehr als das Benzingeld spielen“, sagt Tetzlaff. „Meistens sind es drei bis zehn Musiker, die sich etwa 200 Euro teilen müssen.“ Und das bei teilweise beachtlichen Anreisewegen, etwa aus Berlin. Folk Bälle, das sei für die Gruppen ein Hobby – keine Marktnische zum Reichwerden.

    „Wir haben keine Allüren“, fassen die Frauen zusammen. Unverkrampft, wie auf einer privaten Feier, wolle man zusammen Spaß haben. Dafür sei man auf dem körperfreundlich mitschwingenden Holzfußboden in der Stadtschule auch vor Perfektionisten, Posern und Showläufern sicher. Bleibt die Frage: Warum motiviert ein „Tanzhaus“ Menschen bis ins Alter von 80 Jahren, das heimische Sofa zu verlassen? Warum fahren Musiker durch die halbe Republik, um sich in einer Schulaula für die denkbar schmalste Gage die Nacht um die Ohren zu schlagen? Und warum steigen Leute am Samstagabend an der Hamme ins Auto, um an der Wümme einen „Mixer“ zu lernen? „Das Tanzen mach mich frisch und fröhlich“, sagt Tetzlaff. „Nach einer anstrengenden Woche bin ich manchmal erschöpft. Dieser Abend gibt mir wieder Energie. Das ist ein schöner Kontrast zum Alltag.“ Und Claudia Meier ergänzt: „Der Kontakt zu den anderen, die Musik, die Bewegung: Das macht einfach gute Laune.“ Die Erde scheint die Telegramme also ernst zu nehmen, denn man kann sie erahnen – die Aufhebung der Schwerkraft à la Fred Astaire. Um sie am eigenen Leib zu spüren, führt wohl kein Weg am Verlassen des heimischen Sofas vorbei – beziehungsweise an Kreistanz, Mixer, Gasse und Co.

    Annette Freudling
    Annette Freudlinghttps://www.annette-freudling.de
    Studierte Kulturwissenschaften, Anglistik und Germanistik in Bremen. Lokaljournalistin, Redakteurin und Autorin. Privat verortet zwischen Kammerchor, Katzenhaar und Kneipenquiz. Geschichten mag sie am liebsten ohne Bart. Ansonsten findet sie Bärte aber ganz okay.
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