Oliver Gies – hier in Rotenburg war mein Puls

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    Anlass für die gedankliche Zeitreise ist ein Ehemaligen-Treffen im kleinsten Kreis: Ex-Schüler Oliver Gies ist zu Besuch, bekannt als Sänger und Songschreiber der A-cappella-Gruppe Maybebop. In Jeddingen aufgewachsen, am Ratsgymnasium als Talent entdeckt, steht Gies seit 22 Jahren erfolgreich auf den Konzertbühnen der Republik. Heute trifft er drei seiner früheren Lehrer und Wegbegleiter: Frank Domhardt (Musik), Burkhard Böhk (Mathematik) und Volker Evers (Theater). „Das ist wirklich schön“, sagt Gies über das Wiedersehen. „Wir waren damals ziemlich dicke.“ Einige Spuren dessen, was damals entstanden ist, sind immer noch sichtbar: Der kunstvoll gestaltete Umhang aus dem Musical „Joseph and the Amazing Technicholor Dreamcoat“ zum Beispiel hängt wie eine echte Reliquie hinter Glas in der Pausenhalle. Joseph, das war eine Produktion anlässlich des 40-jährigen Schuljubiläums 1989. Der 16-jährige Oliver: in zwei Hauptrollen zu sehen und zu hören.

    Dabei war Gies in seinen ersten Jahren am Gymnasium noch alles andere als erfolgsverwöhnt. „Die Pubertät war für mich eine schwere Zeit“, sagt er. „In meiner Klasse war ich der stille, blasse Junge: Mittelmaß.“ Seine Eltern zogen nach Jeddingen, als er in der dritten Klasse war. „Mein Vater war ein Gleisbauer, der sich die Wochenenden als Tanzmusiker um die Ohren geschlagen hat. Er hat auch versucht, mir das Klavierspielen beizubringen – aber ich habe nicht angebissen.“ Ein Stubenhocker sei er gewesen, wenig interessiert an den Outdoor-Aktivitäten, die das Landleben so bietet. Aufgeblüht sei er erst ab der neunten Klasse, als er, dank seiner Lehrer, Musik und Theater für sich entdeckte. „Plötzlich habe ich gemerkt, dass ich irgendwas kann. Das hat mir Selbstvertrauen gegeben. Und durch die Projekte bekam ich eine eigene Clique – die Musiker aus den Jahrgängen unter und über mir.“

    Spätestens jetzt ist der Bann gebrochen. Bigband-, Chor-, Theaterproben: Oliver Gies fängt an, viel Zeit in Rotenburg zu verbringen. Um von den Busfahrzeiten von und nach Jeddingen unabhängig zu sein, schwingt er sich aufs Fahrrad, rund zwanzig Kilometer pro Strecke. „Hier in Rotenburg war mein Puls“, sagt er. „Das war eine tolle Zeit.“ Noch ein Blitzlicht aus der Vergangenheit: heiße Probenphase für „Der kleine Horrorladen“. Der Zwölftklässler Oliver Gies, Tag und Nacht und bis über beide Ohren in Musical-Partituren versunken. Sogar auf Klassenfahrt verbringt er jede freie Sekunde mit Notenschreiben. „Ich war so fertig, dass ich im Unterricht eingeschlafen bin. In Mathe habe ich dann vollkommen den Anschluss verpasst. Burkhard Böhk hat mich quasi auf Händen über die Drei-Punkte-Marke getragen.“

    15 Jahre später, ein Dezemberabend 2005. Vier junge Männer stehen auf der Bühne der Schulaula. Schwarze Anzüge, rote Hemden. Vier Stimmen und vier Mikrofone ersetzen den Sound einer kompletten Pop-Musik-Formation: Maybebop, im neunten Jahr nach ihrer Gründung, angetreten mit ihrer ureigenen Interpretation eines Weihnachtsprogramms. Die langen Stuhlreihen: gerammelt voll. Die Zeitung schreibt später von einem „A-Cappella-Abend, der Schüler und Senioren gleichermaßen von den Sitzen riss“. „Den CD Verkaufsrekord von damals haben wir übrigens nie wiederholen können“, sagt Gies. Noch ein paar letzte Blicke, noch einmal kurz den gemeinsamen Erinnerungen nachgespürt, dann steuern Domhardt, Evers, Böhk und Gies in Richtung Ausgang. Der Kurztripp in die Vergangenheit – fürs erste beendet. Schulleiterin Iris Rehder, auf einen Sprung hinzugestoßen, hat derweil schon eine Idee für die Zukunft: So ein Maybebop-Konzert zum 70-jährigen Jubiläum des Ratsgymnasium, das wäre doch eine feine Sache … Oliver Gies lächelt, kann aber nichts versprechen. „2019 machen wir 100 Konzerte. Das Jahr ist schon ziemlich verplant.“

    Die Pressefotos auf seiner Homepage haben eine eher schräge Note: ein extravagantes grünes Brillengestell hier, ein Gesichtsausdruck wie Zahnschmerzen da. Karierte Jacke vor 70er-Jahre-Tapete, Pomade-Frisur über Sakko mit Blumendekor. Im wirklichen Leben tut es für Oliver Gies auch das Streifen-T-Shirt und die schlichte schwarze Brille. Ruhig, konzentriert und ohne jede Exaltiertheit erzählt der kreative Kopf der A-cappella-Gruppe Maybebop vom Hannoveraner Kiez, von Megahits auf Mandarin und vom Gangsterrap gegen die Langeweile. Wir haben zuletzt 2004 miteinander gesprochen. Damals warst du 31 Jahre und konntest bereits 700 Kompositionen und Arrangements vorweisen. Wie viele sind seitdem dazugekommen? Das habe ich mich vor kurzem selbst mal gefragt. Ungefähr lässt sich das hochrechnen: Rund 40 eigene Stücke pro Jahr plus Arrangements für Chöre und andere Musiker … Ich würde sagen, ich komme auf 250 Titel pro Jahr. Das wären im Schnitt rund fünf Arbeiten in der Woche, macht sportliche 3.500 in den vergangenen 14 Jahren. Bist du beim Notenschreiben der Thomas-Mann-Typ, nach dem Motto: Von acht bis zwölf wird komponiert?
    Nein, dazu ist mein Rhythmus viel zu unregelmäßig. Ich muss die Zeitfenster nutzen, die Maybebop mir lässt. Das ist schließlich mein Hauptberuf.

    Was machst du, wenn dir mal nichts einfällt: Kaffeetrinken, Yoga, Spider-Solitaire …? Dann lasse ich die Arbeit notgedrungen liegen und mache etwas ganz anderes. Wobei das Hirn dabei im Hintergrund weiterarbeitet. Wenn mich dann z.B. beim Einkaufen Bekannte treffen, erleben sie mich total weggetreten, mit den Gedanken woanders. Schon mal einen Auftrag abgelehnt? Oder ist dem Arrangeur nichts zu schwör? Je älter ich werde, desto leichter fällt es mir, etwas abzulehnen. Worauf ich überhaupt keine Lust habe, sind Klassiker, die schon tausendmal arrangiert worden sind. „The lion sleeps tonight“ zum Beispiel würde ich nicht anfassen – außer, um es völlig auf links zu drehen. Auf deiner Internetseite soundfile-music.de<soundfile-music.de> hast du einen „Hofladen“ eingerichtet. Wieviel Kleinstadt steckt nach 26 Jahren Hannover noch in dir? Mein Kiez in Hannover fühlt sich sehr kleinstädtisch an. Wir wohnen abseits der Innenstadt direkt an einer belebten Fußgängerzone, können alles zu Fuß erledigen. Wenn ich auf die Straße gehe, treffe ich jedesmal mindestens zwei Leute, die ich kenne.

    Klingt, als würdest du dich dort sehr wohl fühlen? Hannover hat ja einen sehr schlechten Ruf, weil es angeblich so langweilig und profillos ist. Dass die Stadt von allen so „gedisst“ wird, gibt ihr aber einen sehr angenehmen Schlag. Die Leute können sich nichts darauf einbilden, wie hipp sie sind, also bleiben sie sehr bodenständig. Hinzu kommt, dass Hannover für meinen Beruf total verkehrsgünstig liegt. Aber mal sehen: Wenn die Kinder (zurzeit sind sie 15 und 16) aus dem Haus sind und wir die große Wohnung nicht mehr brauchen, ziehen wir vielleicht noch mal woanders hin. In Deutschland funktioniert euer deutschsprachiger A-cappella-Pop richtig gut: Rund 30 Alben sind seit 1996 erschienen, 2018 gebt ihr 120 Konzerte und euer offizieller Fanclub hat euch zum 20-jährigen Bandjubiläum sogar eine Chronik geschrieben! Im Ausland seid ihr dagegen sehr selten. Was hat euch denn 2016 ausgerechnet nach Taiwan verschlagen? Lustigerweise gibt es in Taiwan eine kleine Szene ziemlich engagierter Chor-Nerds, die nach Europa kommen, um neue Gruppen zu akquirieren. Zum Beispiel besuchen sie regelmäßig die internationale A Cappella Competition in Graz – bei der wir mit Maybebop mal dabei waren. Ich glaube, das war 2007. Wir haben damals … recht gut abgeschnitten … (lacht, ein bisschen verlegen)… also, es lief wirklich sehr gut. Die Taiwanesen hatten uns damals gleich eingeladen. Dass wir schließlich erst 2016 gefahren sind, liegt daran, dass zwei von uns vieren nicht besonders reisefreudig sind. Es gibt einen Konzertmittschnitt, der beweist, dass ihr dort chinesisch gesungen habt. War das sehr mutig, sehr fleißig oder sehr verrückt? Von allem ein bisschen, glaube ich. Aber die Mühe kann man sich schon mal machen, wenn man eingeladen wird. Allerdings haben wir uns zwei sehr dankbare Stücke ausgesucht, die in Taiwan echte Megahits waren.

    Hattet ihr keine Angst, irgendeinen groben Unfug zu singen? Mandarin ist sowieso eine schräge Sprache: Je nach Tonhöhe kann ein Wort ganz unterschiedliche Bedeutungen haben. Das heißt: Wenn man einen Popsong singt, verändert die Melodie die Textaussage. Aber das Problem haben muttersprachliche Sänger auch, und die Leute hören sich das schon zurecht. Überraschenderweise sind wir für unsere Aussprache sogar sehr gelobt worden. Was wünscht ihr euch für die Zukunft – nach mehr als 20 Jahren Maybebop? Rechtzeitig aufzuhören, bevor es peinlich wird. Wir alle haben keine Lust auf a cappella im gefälligen Popgewand. Und weil uns selbst so schnell langweilig wird, versuchen wir, uns immer wieder herauszufordern und unsere musikalischen Grenzen zu verschieben: Gangsterrap, Bollywood, Clezmer, Barbershop, … Und dann fragen wir uns von Programm zu Programm: Ist das noch authentisch? Passt das noch zu uns? Solange das der Fall ist, stehen wir vielleicht noch mit 60 oder 70 auf der Bühne. Denn unsere Bandchemie ist ganz klar ein Glücksfall.

    Kurzer Werbeblock zum Abschluss: Am Mittwoch, 17. Oktober, steht ihr auf Einladung der Kulturinitiative Rotenburg beim Mercedes-SternPartner in Rotenburg auf der Bühne. Was gibt’s da auf die Ohren? Unser aktuelles Programm „Sistemfeler“ – und vielleicht ein bisschen was aus dem kommenden Album „Ziel:los!“, das im April 2019 erscheint. Wir präsentieren ferner eine personelle Umbesetzung: Unser Bass Sebastian nimmt krankheitsbedingt eine Auszeit und wird von Christoph Hiller superb vertreten. Übrigens: Am 20. Januar 2019 spiele ich nochmals in Rotenburg auf, und zwar mit meiner Jazz-Band „Vocality“.

    Fotos: Mark Intelmann

    Annette Freudling
    Annette Freudlinghttps://www.annette-freudling.de
    Studierte Kulturwissenschaften, Anglistik und Germanistik in Bremen. Lokaljournalistin, Redakteurin und Autorin. Privat verortet zwischen Kammerchor, Katzenhaar und Kneipenquiz. Geschichten mag sie am liebsten ohne Bart. Ansonsten findet sie Bärte aber ganz okay.
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