Kräutertage Horstedt – Besonders und Einzigartig

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    Kräuterregion. Abgesperrte Straßen und Gefahrguttransporte, die wird es mit Sicherheit nicht geben, wenn demnächst 150 Bomben Stapel verlassen. Denn die sind ganz bio, wie alles, was von der Firma Aries stammt. Sie bestehen aus jeder Menge Biosaatgut, Pflanzerde und Tonpulver, haben aber trotzdem etwas mit Guerillas in der Stadt zu tun und der Kräuterregion Wiesteniederung, denn deren Kräuterkönigin hat bei offiziellen Terminen davon immer reichlich im Gepäck. „Aus Cellulose“, sagt Dieter Szczesny, Geschäftsführer der Stapeler Firma Aries, aber auch erster Vorsitzender der Kräuterregion Wiesteniederung, zieht seine Visitenkarte aus der Tasche und setzt damit ein Statement. Als gelernter Drucker hatte er vor mehr als 30 Jahren reichlich Kontakt mit giftigen Substanzen, eigentlich aber war die Umwelt- und Alternativbewegung schon damals ganz sein Ding.

    20 Jahre wohnte er in Bremen im „Viertel“, hob dort die Szenekneipe „Rotkäppchen“ aus der Taufe und gründete 1988 mit seiner französischen Ehefrau Catherine im Souterrain ihres Hauses die Firma Aries Umweltprodukte. Ein französisches Insektenspray auf biologischer Basis, das wirklich funktionierte, und die Sicherung des Alleinimports nach Deutschland brachte sie auf Kurs. Das war der Anfang von Aries. „Damit hatten wir sechs Richtige im Lotto, denn jede Mühle, jeder Bioladen und jedes Getreidelager im Biobereich war interessiert“, erinnert sich Szczesny. Heute stehen ökologische Produkte für den Haushalt und ökologische Gartenprodukte im Fokus der Produktion. Aus einem Produkt vergrößerte sich im Laufe von 30 Jahren das Portfolio auf 150 bis 200 Artikel für den Bereich der Biodrogerie. Hier seien sie Marktführer, sagt Szczesny und ist mit sich und der Welt eins. Produziert wird für Bioläden und den Biofachhandel, nicht aber für normale Supermärkte. Da wollen sie nicht vertreten sein. Und dann gibt es in den letzten Jahren eine ganz starke Entwicklung im Bereich „biologische Werbemittel“. Zunehmend mehr Firmen setzen bei ihrer Werbung nicht mehr auf Kugelschreiber, sondern auf Nachhaltigkeit in Form von Saatbomben und Saatbändern – wie das Bayrische Landesamt für Umweltschutz. Da gibt es dann die Standardblühmischung für Blütensuchende Insekten genauso wie Grünkohlspezialmischungen. Alles in Bombenform, alles aus Stapel. Machen können sie so einiges, aber nur mit Biosaatgut, das sei die einzige Einschränkung, sagt Szczesny. Für fast jede politische Couleur haben sie schon Bomben gebaut, nur nicht für die AfD. Ob Greenpeace, Mercedes Benz, Carglass, die Linke oder Die Grünen, alle hatte er sie schon einmal. Der Firmenname Aries und das Chrysanthemenlogo sind eine gelungene Verbindung aus kraftvoller Schädlingsbekämpfung, drei Widdern in der Familie und dem ersten verwendeten, aus einer Kenianischen Chrysantheme stammenden Wirkstoff. Mit Print-Werbung hat es Dieter Szczesny nicht so, er setzt eher auf Empfehlung. „Das ist unser nachhaltigstes Werbemittel.“ Und auf diese Weise, vermutet Szczesny, sei wahrscheinlich auch der Kontakt nach Bayern zustande gekommen. An dem 2015 auf 5.000 Quadratmetern angelegten Stapeler Kräuter- und Lavendelfeld erfreut sich nicht nur Catherine Szczesnys französische Seele, sondern auch die vielen Radfahrer und Besucher, die der 50 Kilometer langen Kräuter-Route in der Kräuterregion Wiesteniederung folgen. Mehr als nur einen Hauch von Provence bringt das nördlichste Lavendelfeld Niedersachsens in die Kräuterregion. Ganz provenzalisch wird es in diesem Jahr, wenn Catherine Szczesny mit einem Handdestillator erstmals das ätherische Öl von Lavandula angustifolia extrahiert. „Man muss gar nicht mehr in die Provence fahren“, sagt die Phytotherapeutin und Imkerin, „außerdem gibt es dort nur Lavandin, hier aber echten Lavendel.“ Und zudem entspreche der Gehalt an ätherischen Ölen dem des in der Provence angebauten Lavendels, fügt sie an. Statt des provenzalischen Problems mit den Zikaden sind es hier aber Wühlmäuse, die den Pflanzen zusetzen.

    Zur Stärkung der Region wurde schon vor 20 Jahren die Idee der Kräuterregion propagiert. Mulmshorn, Gyhum, Bötersen, Hassendorf, Hellwege und Ahausen ziehen seitdem kräutertechnisch in der Region an einem Strang, die Kräuterkönigin wirbt mit Kräuterbomben auch außerhalb der Wiesteniederung für die Region. Dieter Szczesny ist erster Vorsitzender der Kräuterregion, zu der die 50 Kilometer lange Kräuter-Route, der Bibel- und Labyrinthgarten der Kirchengemeinde Horstedt, die Kräutergärtnerei Rühlemanns mit 800 Sorten und Arten an Kräutern, der Gyhumer Blumen- und Kräutergarten zur Selbstbedienung, der Kräuterlehrpfad „Glinddamm“, Kräuterhotel „Heidejäger“, Kräutergärten in Jeerhof und in Benkel wie auch das Stapeler Kräuter- und Lavendelfeld gehören. Der Radtourismus, so der erste Vorsitzende, hat in den vergangenen Jahren mithilfe des Marketingkonzepts „Kräuterregion“ zugenommen und die Region auch überregional ins Gespräch gebracht. „Und die Kräuterregion war Initialzündung für die „Gesundregion“, fügt Szczesny an. Allerdings findet er auch, dass man noch deutlich mehr machen könne, obwohl auch die Bevölkerung das Thema mit wunderschönen Gärten belebe. Immer wieder großer Anziehungspunkt ist der alljährliche „Kräutertag“, an dem sich in Horstedt auch diesmal alles um Kräuter drehte.

    Frank Westermann vom Kräuterhotel Heidejäger gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Kräuterregion. „Es ist etwas Besonderes und Einzigartiges“, bestätigt der Mulmshorner Hotelier, dessen Kräuterhotel in Norddeutschland Alleinstellungsmerkmal hat. Er trug die Idee nicht nur in sein Mulmshorner Hotel, sondern entwickelte auch die 50 Kilometer lange Kräuterradwanderkarte. „Es ist ein schönes, dankbares Thema und die Leute fragen danach.“ Kräuter begegnen Besuchern im Heidejäger auf Schritt und Tritt. Hotelzimmer haben Kräuternamen wie auch die entsprechenden Informationen, der Kräutergarten des Hotels wird für Kräutermenüs und Gerichte geplündert, selbst die Ornamente in den Fenstern nehmen das Thema Kräuter auf. Und Evelyn Westermann klärt in Seminaren über „Die Apotheke der Natur“ auf. Der Hotelier Frank Westermann ist über den roten Themenfaden, der sich durch Dörfer und Gemeinden zieht ganz begeistert. Seitdem die Kräuterregion konzipiert wurde, werden hier sogar Verkehrsinseln und Straßenrandstreifen nicht mehr nur mit Bodendeckern und Blühpflanzen begrünt, sondern stehen ganz im Kräuterthema in Blüte. „Die Kräuterregion hat das Bewusstsein verändert“, stellt er fest. Die Erntemenge des Lavendelfeldes hatten Dieter und Catherine Szczesny völlig unterschätzt. Sie gingen vor drei Jahren davon aus, dass der von Hand geschnittene und zu kleinen Sträußchen gebundene Lavendel sich in Stube oder Scheune trocknen ließe. Aus Erfahrung wird man klug. Jetzt steht der Lavendel kistenweise in der 40 Grad Celsius warmen Abwärme einer Biogasanlage. Interessantes „Abfallprodukt“ der Lavendel-Bio-Duftsäckchen ist der aus den Stängeln gewonnene Imkertabak für die Kanne des Bioimkers. Und auch da hatte Catherine Szczesny wie in der Kosmetikschiene ihre Finger im Spiel.

    Sabine von der Decken
    Sabine von der Decken
    Geboren 1957 in Nordrhein-Westfalen, Studium der Diplom-Biologie in Bremen und Oldenburg. Seit mehr als 20 Jahren freie Mitarbeiterin Weser Kurier Bremen, arbeitet zudem für Fachmagazine wie Land und Forst und Gartenbauprofi.
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