Sabine Bente – Bestattungen anders

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    Visselhövede. Die Farben nehmen einen gefangen wie der Schein eines noch unfertigen Geschehens. Eine Fiktion? Eine Irritation? Eine dezente bis schillernde Farbenmixtur reflektiert von den Wänden: weiche, warme, helle. Ein farbenfrohes Sammelsurium in braun, beige, lindgrün und vor allem bordeauxrot strahlt den Besucher an. Mir kommen Zweifel: Bin ich hier richtig? In weiß, das ganze Ensemble, na ja, das könnte man noch annehmen und schwarz, natürlich schwarz, was passt auch sonst besser in einem Haus dieser Art, wo Trauer und Tränen den Tod im Gleichklang begleiten. Das farbliche Potpourri verliert sich erst recht nicht in Bedeutungslosigkeit, wenn man wenig später der Frau gegenübersteht, die das klischeehafte Sinnbild ihres weithin nüchtern wirkenden Berufsstandes forsch und unkonventionell modifiziert hat. Sabine Bente verkörpert haargenau die Kehrseite eines bestattungsreichen Daseins, das in pietätvoller Ehrfurcht nach außen und innen zu ersticken scheint. 

    Die 46-jährige ist an diesem Wochentag bunt fixiert von oben bis unten: rotes Schuhwerk, rot-geschminkte Lippen und knallrot der Jackenstoff. Ihr Beetle-Auto, das sie später von der Werkstatt abholt, ist – was auch sonst – natürlich ebenso farblich pointiert: rundherum rot, das Vehikel. Nicht umsonst wurde sie einst mal schmückend oder süffisant als „bunte Biene“ besungen und so lief sie denn auch zumeist buntgekleidet durchs Leben. „Ich liebe Farben, von Pink bis aufwärts“, skizziert sie ihre Art, sich den Dingen des Lebens zu stellen. Eine nicht geringe Art von Nonkonformität scheint ihr sozusagen heilig zu sein oder treffender: anders geht auch, wahrscheinlich besser! Und so dürfte sie höchstwahrscheinlich weithin eine Ausnahme von der berühmten Regel sein, was ihre berufliche Ausrichtung zum Inhalt hat: Bestatterin. „Bente Bestattungen – Wir begleiten Sie“, lautet ganz einfach und offiziell ihr unternehmerisches Tun. Doch was die gebürtige Sarstädterin aus ihrer existentiellen Gegebenheit macht, dürfte sich von normalen Maßstäben merklich abgrenzen. Sie lässt den Tod nicht einfach dahingleiten, sondern nimmt sich seiner an. Sie gestaltet ihn, kreiert das Leben danach wie eine musikalisch nachhaltige Melodie: tragend, aber beileibe nicht erstarrend. „Ich möchte“, sagt sie bestimmt, „den Menschen was mitgeben, was sie an ihren Liebsten, ihren Verstorbenen, wohltuend erinnert.“

    Der Sarg und die Harke.Und dann legt sie los. Frauenpower pur. Strickt Ideen, modelliert Visionen. Als gelernte Graphikdesignerin und lustvolle Fotografin fällt ihr natürlich manches leichter, eine Beerdigung, sagen wir, lebendiger zu gestalten. Beinahe so etwas wie das Credo von Sabine Bente: das Leben mitnehmen! So bei einem älteren Mann, offenkundig Rentner, der Zeit seines Lebens offenbar allergrößten Wert darauf legte, dass zu herbstlichen Zeiten das Laub akkurat entsorgt wurde, und er selbst deshalb allzeit mit einer alten Harke auf seinem Grund und Boden anzutreffen war. Sein letztes irdisches Dasein nahm die Gestalt an, indem sein Sarg eine alte Harke, eine Quetschkommode und reichlich viel Laub zierten. Tic Tac-Dosen durften es ebenfalls sein, die einen Sarg schmückten, weil der Verstorbene des Winters leidenschaftlich gerne die Vögel fütterte, und er die Apfelkerne in jenen kleinen Behältnissen sammelte. Und als der Sohn einer guten Freundin nicht mehr leben wollte, regte Sabine Bente an, die Zeremonie auf eine ganz persönliche Ebene zu bringen: zu Hause im Garten in einem Zelt. Ein tödlich verunglückter Motorradfahrer nahm seinen schwarzen Helm mit ins Grab und auf der Urne eines LKW-Fahrers ließ die Bestatterin einen LKW malen, selbstverständlich mit Kennzeichen. Bei all´ diesem unkonventionellem Gebaren, fragt sich Sabine Bente natürlich, was sich andere fragen könnten: „Was macht die Verrückte denn da?“ Die sagt: „Ich kann´s auch in schwarz und weiß, also schlicht“. Wie bedeutungslos. Aber ist das das Leben, das den Tod berührt, mal sanft, mal mehr? Lebt der Mensch nicht sein Leben nur für eine kleine Weile, umrankt von einer Melodie, deren Töne aber doch noch möglichst lange ihren Nachklang finden sollten? Sabine Bente: „Was mir wichtig ist, ist, sich an das Leben des betreffenden Menschen zu erinnern“.

    Mitten in Vissel. Von ihrer Arbeit hat sie insofern eine klare Diktion, sie darf, sie soll nicht „auf die letzte Zeit des betreffenden Menschen reduziert“ sein. „Das Leben besteht doch aus viel mehr“. Und sie meint damit: Nicht drei Jahre Krankheit oder noch mehr Jahre ans Bett gebunden, spiegeln das Leben eines Menschen wider. Das Leben als Ganzes sehen und was dem Verstorbenen dieses bedeutet hat, das ist der Kern. Vollends mittendrin hat sie auch ihr Handeln angesiedelt, gewissermaßen am besten Platz von Visselhövede, im sogenannten Deutschen Haus, wo Mitarbeiterin Bianca Schmidt ihrer Chefin die organisatorischen Elemente weitgehend abnimmt, sodass Selbige sich voll und ganz auf den relevanten Part ihrer Aktivitäten einlassen kann. „Ich bin ein Dekorations-Freak“, gibt sie denn unverhohlen auch zu. Einige Meter weiter auf der anderen Straßenseite ist sie denn gänzlich in ihrem Element. In ehedem als Arztpraxis fungierenden Räumlichkeiten findet ihr eigentliches Bestatterinnen-Leben statt, in denen man sich spürbar wohlig aufgenommen fühlt. Mediterran geradezu das Farbenflair, beruhigend-einflößend für die Seele. Offenbar der passende Fleck für derartige Inszenierungen. In mitten dessen werden die Särge aufgebahrt, dahinter ein Kühlraum, daneben ein Zimmer für den Abschied. Ringsherum stehen auf Emporen verschiedenartige Urnen. Die gibt es offenbar in allen Kategorien, auch preislich. Und wenn es sein soll, was in der Regel so ist, ertönen aus einem Lautsprecher leise Musik-Sequenzen. Pietätvoll geht es hier wohl zu. Empathie ist, so nennt es Sabine Bente, „oberstes Gebot“. Und sie weiß natürlich, wie diffizil, wie sensitiv ihr Job ist. „In unserer Branche“, resümiert sie daher, „darf man sich keinen Fehler leisten.“ Und so arbeitet sie reichlich und viel. Nicht Masse ist dabei allerdings ihr Richtwert. 100 Bestattungen pro Jahr, das kann´s denn sein, das ist zu schaffen. Sie bringt ihre Arbeitszeit auf diesen Nenner: „Die Geburt und das Lebensende haben kein Wochenende!“

    Die Lola, die rennt! Auf die Idee, weil motivierend ihre beruflichen Aktivitäten in die eigenen Hände zu nehmen, brachte sie ihr Ehemann, Ralf Goebel, bekanntlich Bürgermeister in der Stadt der Visselquelle. Und sie selbst ist heute nicht so zurückhaltend, um nicht zu wissen, was sie kann. „Ich bin mein bestes Produkt“, holt sie unverhohlen aus. Wie überhaupt: Eloquenz ist ihr reichlich zu eigen. Und wenn sie agiert, exponiert der Quirl in und aus ihr. Sie selbst: „Mitunter fühle ich mich wie Franka Potente!“ Ach ja, die „Lola rennt“. Und dann hat sie noch so einen trefflichen wie amüsanten Vergleich über sich selbst drauf: „Ich bin keine Tischdecke geworden, liege also nicht nur herum!“ Man spürt´s ihr förmlich an: Ihr berufliches Engagement ist gleichsam wie ein Stück Freizeit. Und von daher nimmt sie sich Zeit für ihre Mission, sich den Menschen zu widmen, die sie in ihren „schweren Stunden“ brauchen, wobei es ihr fast schon egal zu sein scheint, wie auch sie in ihrem Beruf auf ein bestimmtes Level mitunter reduziert werden dürfte. „Ich gebe ja zu, ich bin ein Opfer meiner Phantasie!“ Mit einem Meer von bunten Nelken und Schleierkraut en masse findet für Sabine Bente der Tod eines Menschen nun einmal kein Ende. Da muss für sie mehr passieren. So denn ist ihre Welt für sie in Ordnung, wenn sich Angehörige eines Verstorbenen ihr gegenüber artikulieren, sie habe geholfen, „den Tod unseres Lieben leichter zu ertragen.“ Beerdigungen erledigen sich heute in der Mehrzahl in einer Urne. Das Verhältnis: 60 Prozent Urne, 40 Prozent Sarg. In der Großstadt, mutmaßt die Bestatterin aus Visselhövede, ist die Relation 80 zu 20. Wenn sie selbst dereinst von der irdischen Bühne abtreten muss, möchte sie gerne, „dass meine Freunde während der Beerdigung ein Paar Sätze für mich übrig haben.“ Alles andere verschwindet im Nirvana.

    Fotos: Thomas Kusch

    Hans Richelshagen
    Hans Richelshagen
    Artikel von Hans Richelshagen erschienen von 2017 bis 2018 in der STARK.
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