Unternehmerfrauen im Handwerk

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    Rotenburg. Die neue Kreis-Chefin der Unternehmerfrauen im Handwerk: Silvia Behrens – Es mangelt an Nachwuchs. Sie haben sich eine jahrhundertealte Erkenntnis auf ihre Fahne geschrieben: Das mit den zwei Beinen und dem fest im Leben stehen. Den Damen genügt diese Art einer betulichen Standort-Orientierung aber nicht: Die Beine, die zwei, müssen sich auch in Bewegung setzen! Frauen-Power kann`s und darf`s denn sein, wenn das weibliche Geschlecht rotiert. „Unternehmerfrauen“ betiteln sie sich und ihr wirksames Handeln ist heute längst alltägliches Geschehen. Tanten und Cousinen sind darunter, Schwestern auch, Töchter sowieso und Mütter/Ehefrauen, na klar doch, das geht doch nicht anders. 

    Foto: Steffi Stuber

    In handwerklichen Unternehmen erst recht nicht. Da haben die Frauen das Zepter vielfach als gleichberechtigte Partner auf breiter Front in Kooperation mit ihrer besseren Hälfte mit in die Hand genommen. Aus heutiger Sicht könnte man sagen: Das Handwerk – es für die Damenwelt quasi erfunden worden. In über 82.000 Betrieben allein in Niedersachsen ist Handwerk first und „Frauen an der Macht“, würde Grönemeyer wohl trällern wollen, wenn er nicht schon die Kinder auf´s musikalische Schild gehoben hätte. Unternehmerfrauen im Handwerk – das UFH ist längst zum Synonym für weiblichen Spirit avanciert, der die männliche Domäne nicht unliebsam beflügelt haben dürfte. Ein Zeichen von Engagement, Willen und Nachhaltigkeit, denn Unternehmerisches hat in Gänze was mit Durchsetzung- und Durchhaltevermögen zu tun. Und Frauen, das haben soziologische Untersuchungen ergeben, sind nicht selten belastbarer und in punkto Kontinuität konsolidierter aufgestellt als ihr männliches Pendant. Das macht sie stark, wichtig, ja unabkömmlich!

    Foto: Steffi Stuber

    Und weil die Handwerker-, sagen wir, -Chefinnen das bleiben wollen, sind sie organisiert: großflächig im Landesverband Niedersachsen und regional in sogenannten Arbeitskreisen, von denen es hierzulande noch und nöcher gibt. Im Altkreis Rotenburg sind die UFH-Frauen seit 27 Jahren eine stabile Gemeinschaft. 65 sind es gegenwärtig, und Frauen aus anderen geschäftlichen Aktivitäten, wie Modehäusern beispielsweise, sind als Gäste jederzeit willkommen. Im März dieses Jahres haben die hiesigen Handwerkerinnen ihre Personalie neu ausgerichtet und mit Silvia Behrens eine Vorsitzende an die Front beordert, die wohl ganz und gar nicht das Frauenbild verkörpert, das, marketing-wuchtig aufpoliert, die Präsentations-Borschüre der Landesvereinigung in dicken Lettern dominiert: „Starke Frauen für ein starkes Handwerk!“ Die 52-jährige hält von solchen Spruchblasen reichlich wenig. Es käme ihrer sichtlich zurückhaltenden Art und Fassade auch quer. „Um mich wohl zu fühlen, privat und in dieser für mich neuen Funktion, brauche ich solche Begriffe oder Sprüche nicht,“ sagt sie bestimmt und schaut den Besucher beinahe ungläubig an: Was denkt der denn von mir?! Ihre neue Aufgabenstellung als UFH-Vorsitzende im Arbeitskreis Rotenburg sieht sie denn auch nicht in alleingängerischer Mission, als vielmehr in gemeinschaftlicher Kommunikation und Handlungsweise. „Wir haben einen fünfköpfigen Vorstand und da sind Frauen darunter, die haben richtig was drauf“, lässt Silvia Behrens wie aus der Pistole geschossen weibliche Dynamik vom Stapel. Und was fällt den Damen denn alles so ein? „Oh, eine ganze Menge“, kommt es schon jubelnd aus ihr heraus, „da sind wir um Ideen und Initiativen nicht verlegen.“ Jeden zweiten Dienstag im Monat üben sich die Handwerker-Ladies denn auch im Brainstorming und kommunizieren ihre kommenden Aktivitäten. In der Sparkasse Scheeßel feierte Silvia Behrens vor kurzem gewissermaßen ihre erste Amtshandlung: Lehrstunde für Unternehmerinnen in punkto modernes Bankmanagement. Solche oder ähnliche fachspezifische Aktionen organisiert sie mit und für ihre Damenriege. Über diese Interessenlage ist die Abbendorferin auf die Handwerkfrauen vor drei Jahren aufmerksam geworden. „Was mir besonders gefallen hat und gefällt, sind die vielfältigen Kontakte, die man hier erhält. Es ist ein spürbar variables Netzwerk, das sich einem hier bietet, von dem man lernen, aber auch profitieren kann,“ sagt die Mutter von zwei erwachsenen Kindern, der nach ihrem ersten Besuch eines Damen-Treffens klar war, dass sie in diesem Kreis von „spürbarem Engagement“ nicht nur eine Statistenrolle inne haben wollte. „Ich hab mich zwar nicht um eine Vorstandsamt gerissen, aber aktiv wollte ich schon werden. Das macht richtig Spaß!“ Jetzt ist sie doppelte Chefin, löste Frau Fricke nach deren sechsjähriger Führung in der „Frauenbewegung“ ab, und zu Hause im eigenen Bauunternehmen. Da fühlt sie sich aber offenbar mehr in der zweiten Reihe denn als Frontfrau. „Mein Mann hat dieses Handwerk schließlich gelernt und später auch studiert“, räumt sie ein und lässt durchblicken, dass sie im Hause Behrens so etwas wie das „Mädchen für alles“ ist: Büro, Fahrdienst, eben die rechte Hand vom Chef.

    Sie selbst ist gebürtige Elsdorferin, wuchs dort auf dem elterlichen Hof auf und erledigte später eine Ausbildung als Laborantin in der Milchwirtschaft in der Elsdorfer Molkerei. Ihr Ehemann Rainer Behrens leitet in vierter Generation den 1898 von Peter Behrens gegründeten Betrieb an der Hesedorfer Straße in Abbendorf, der heute ein diversifiziert agierendes Bauunternehmen darstellt: Wohnungsbau, öffentliche Gebäude, Gewerbeeinrichtungen und landwirtschaftliche Objekte gehören zum Bauprogramm des 25-köpfigen Unternehmens, in dem noch gute alte Handwerksarbeit geleistet wird, wie Silvia Behrens sinniert, wenngleich ihr das asbach-uralte Leitbild des Gewerbes, wonach das „Handwerk goldenen Boden“ hat, nicht mehr so ohne weiteres in den Sinn zu kommen scheint. „Na ja, golden sind die Zeiten insofern nicht, weil es mehr und mehr schwieriger werden dürfte, unseren Nachwuchs zu rekrutieren“, malt Silvia Behrens ein eher düsteres Bild von der Zukunft.

    Hat das Handwerk an Attraktivität verloren? Was den Maurerberuf angeht, so wollen sich die Jungs wohl ihre Hände nicht mehr unbedingt schmutzig machen. Silvia Behrens nimmt gar das Wort „verpönt“ in den Mund, dass dieser Beruf heute bei der jungen Generation sei. Abhilfe von diesem negativen Trend könne da nur eine bessere Kommunikation durch die Medien schaffen. „Das Gesamtbild des Handwerks in der Öffentlichkeit muss mehr Eindruck widerspiegeln, mehr Glanz erfahren und die spezifische Gewichtung für unsere Volkswirtschaft muss nachhaltiger hervorgehoben werden“, lautet ihre Marschroute. Sie ist sichtbar froh darüber, dass ihr Sohn Henrik Bauingenieurwesen studiert und im eigenen Betrieb in Abbendorf dereinst für unternehmerische Kontinuität sorgen wird, während Tochter Carolin nach ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau und anschließendem Studium jetzt in einem internationalem Unternehmen tätig ist. Sie selbst scheint mit all ihren vielfältigen Verpflichtungen ausgelastet zu sein, freut sich einstweilen auf eine Städte-Reise nach Lüneburg mit ihren Handwerker-Kolleginnen, lässt zweimal in der Woche alles und jedes links liegen um in weiblicher Begleitung sportlich in der Abbendorfer Feldmark unterwegs sein zu wollen, und zuweilen trifft sie sich mit ihrer Schwiegermutter im eigenen Garten um hier ihren botanischen Phantasien freien Lauf zu lassen. Das ist denn auch gutes altes Handwerk, mehr handwerkliche Inspiration, die sie in diesem Pflanzenmeer walten lässt. Alles picobello, wenngleich beim Foto-Termin ihr die mittellangen blonden Haare wie wildgewordene Blätter um ihren Kopf herum tanzen. Dieser Moment macht sie mehr als sympathisch. Silvia Behrens – eine facettenreiche Frau. Das Handwerk hat doch attraktive Seiten!

    Hans Richelshagen
    Hans Richelshagen
    Artikel von Hans Richelshagen erschienen von 2017 bis 2018 in der STARK.
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