Wolle im Herzen

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    Unterstedt. Der Weg zum Unternehmen „Wollzeit“ in Unterstedt führt in eine Sackgasse. Die Einfahrt: eher unscheinbar. Der Firmensitz: ein moderner Bau mit gläserner Eingangstür. Das Symbol darauf: eine Art stilisiertes Knäuel mit ineinander verschlungenen Fasern – das Siegel, das international für „100 Prozent Schurwolle“ steht. Hinter dieser Tür wartet geballtes Fachwissen. Die Wollhändler Otto Kettenburg und seine Partner Jochen Bremer, Christoph Behrens und Fabian Knappik sind, zusammengerechnet, seit 80 Berufsjahren im Geschäft – und immer noch voll ungebremster Leidenschaft für die Naturfaser. Gerade ist ein neues Warenmuster eingetroffen – vier transparente wiederverschließbare Plastiktüten, die das farblich vorsortierte flauschige Vlies enthalten. Weiß, braun, grau – genau so, wie die Wolle auf dem Schaf gewachsen ist. „Das ist immer ein aufregender Moment“, sagt Kettenburg, als alle reihum in die Tüte greifen. „Um Wolle beurteilen zu können, muss man sie sehen, riechen, fühlen, schmecken…“ Schmecken? Ernsthaft? Kettenburg schmunzelt. Nein, „schmecken“ war nur eine Metapher. 

    Unter dem Namen „Global Wool“ (gegründet 2004) exportieren die Partner 180 bis 200 Wollarten an 250 Großkunden rund um den Erdball. Dazu gehören auch Markenriesen wie Gerry Weber oder Benetton. „Viele auf dem Dorf wissen das gar nicht, dass hier am Ende einer Unterstedter Sackgasse in die ganze Welt gehandelt wird“, meint Kettenburg. Und dann gibt es da noch das Herzensprojekt, für das die vier Männer (zusammen mit Otto Kettenburgs Ehefrau Kerstin), eine weitere Firma gegründet haben. Stolz wird der Besucher zu einem Holzständer geführt, auf dem ein paar schlichte, einfarbige Wolldecken in verschiedenen Naturtönen zur Schau gestellt sind: wollweiß, braun, schlammfarben und graumeliert.
    Vier Decken-Varianten in jeweils vier Farben – das ergibt eine überschaubare Produktpalette, und zwar mit voller Absicht. Die Geschichte, die dieses kleine Sortiment erzählt, beginnt in mehr als 6.000 Kilometer Entfernung, in dem am dünnsten besiedelten Land der Welt – der Mongolei. Drei Millionen Menschen und 25 Millionen Nutztiere leben dort auf einer Fläche, die viereinhalbmal so groß ist wie Deutschland. Der Großteil der Einwohner lebt nomadisch und zieht mit gemischten Herden von Schafen, Ziegen, Yaks, Kühen und Kamelen durch die Weiten der Landschaft.

    Christoph Behrens, 40 Jahre alt, ist dort gewesen. Die Erinnerung an die zentralasiatische Republik, die im Norden an Russland und im Süden an China grenzt, lässt ihn regelrecht erstrahlen: „Das ist Freiheit mit jedem Atemzug“, schwärmt er. „Ein Land ohne Zäune, durch das Pferdeherden galoppieren. Und die Gastfreundschaft der Nomaden ist überwältigend.“ Behrens erlebte eine traditionelle, aber gebildete, offene und herzliche Kultur. So wurde zu Ehren seines Besuchs eine Kaschmirziege geschlachtet und das Festmahl aus einem großen Topf gegessen – und dabei problemlos auf Englisch kommuniziert. Grund für Behrens Reise waren die Merino-Schafe der Nomaden. Ihre Wolle, rassebedingt bereits besonders kuschelig, wächst durch die hohen Temperaturunterschiede in der Mongolei mit einem extrem feinen Unterhaar – und wird dadurch noch weicher. „Das geht vom Griff schon in Richtung Kaschmir“, sagt Behrens. (Kleiner Exkurs in Sachen Naturfasern: Kaschmir, aus dem Unterfell der Kaschmirziege gewonnen, ist mitnichten eine Wollart, sondern fällt in die Kategorie „Edelhaar“ – genau wie Angora, eine Faser aus dem Kaninchenfell. „Wolle“ dagegen stammt ausschließlich vom Schaf.) 2013 bekamen die vier „Global-Wool“- Partner das erste Mal eine Probe der Mongolei-Merino-Wolle in die Finger. „Wir wussten sofort: Daraus müssen wir etwas Besonderes machen“, sagt Kettenburg. „Gleichzeitig wollten wir nicht in Konkurrenz zu unseren Industriekunden treten.“ So entstand die Idee, feine und betont schlichte Wolldecken herzustellen. „Wollzeit“ war geboren.

    „Die Kunst ist es, aus dem ungefärbten Vlies der Schafe unsere vier Standardfarbtöne zu komponieren“, sagt Behrens. Und da die Wolle aus maximal extensiver Weidehaltung ohne Antibiotika-Einsatz stammt, ist die fertige Decke garantiert frei von Schadstoffen. „Auch wenn die Nomaden nicht bio-zertifiziert sind.“ Per LKW wird die farblich vorsortierte Wolle aus der Mongolei nach Bremen geliefert. Von dort geht sie in eine kleine Manufaktur in Bockhorn (Landkreis Friesland), wo der Rohstoff auf teilweise sehr alten Maschinen gesponnen, gewebt und gesäumt wird – das Endprodukt ist damit 100 Prozent „made in Niedersachsen“. Schon wegen der Herstellung in Handarbeit sind die Decken keine Massenware, die sich in unbegrenzten Stückzahlen produzieren ließe. Hinzu kommt, dass die Ressourcen auf natürliche Weise begrenzt sind – denn selbst in der riesigen Mongolei ist extensive Weidehaltung nicht endlos skalierbar. Für 2018 rechnen die Wollzeit-Partner mit ca. 7.000 Stück, die sie herstellen können. Das entspricht der Wolle von etwa 15.000 Schafen.

    Die Macher von „Wollzeit“ sehen darin keinen Nachteil, sondern den besonderen Wert ihrer Decken. Ihre Abnehmer finden sie ohnehin nicht in großen, anonymen Einzelhandels-Ketten oder Warenhäusern, sondern in kleinen, inhabergeführten Läden mit besonderem Sortiment und guter Beratung. „Wichtig ist, dass die Kunden die Geschichte hinter dem Produkt erfahren“, sagt Kettenburg. Er ist für den Vertrieb zuständig. Wenn er seinen Musterkoffer auspackt, macht er immer wieder dieselbe Erfahrung: „Zunächst sind die Leute skeptisch. Aber sobald sie die Decken anfassen, sind sie begeistert. Das geht immer über die Haptik.“ So finden sich „Wollzeit“-Artikel inzwischen im Umfeld von Bio-Möbeln, gehobenen Wohnaccessoires und ökologischen Baustoffen. Auch Manufakturen, Raumausstatter oder Fellhändler haben die Decken im Programm. Im Vergleich zum Kerngeschäft („Global Wool“) macht „Wollzeit“ zwar nur etwa ein Promille des Umsatzes aus – dafür hängen umso mehr Emotionen daran. „Das Feedback auf unsere Decken ist einfach schön“, sagt Jochen Bremer. „Wir kannten vorher nur die Sachlichkeit des Großhandels.“

    Wer einmal unter einer echten Wolldecke gelegen hat, der will nie wieder zum „Erdölnebenprodukt“ zurückkehren – davon sind die Partner überzeugt. Nicht nur, weil die Merino-Wolle so weich ist, dass selbst empfindliche Personen sie nicht als kratzig empfinden. „Es gibt einfach keine bessere textile Faser“, sagen sie. Durch ihre isolierenden Eigenschaften wirkt Wolle im Winter wärmend und im Sommer kühlend. Die Naturfaser kann bis zu 40 Prozent Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich klamm anzufühlen. Sie ist schwer entflammbar und verfügt sogar über selbstreinigende, antibakterielle Eigenschaften. Und wenn ihre Zeit gekommen ist, dann stellt eine echte Wolldecke kein Entsorgungsproblem dar. „Ich sage den Leuten immer: Wenn du sie loswerden willst, dann kannst du die Decke im Garten einbuddeln“, meint Kettenburg. „In drei Jahren ist sie restlos weg.“
    Wer die Haptik der „Wollzeit“-Decken gerne selbst testen möchte, hat beim Werksverkauf in Unterstedt Gelegenheit dazu. Ort und Zeit: Alte Dorfstraße 26a, im November und Dezember jeweils donnerstags von 14 bis 17 Uhr.

    Fotos: Mark Intelmann

    Annette Freudling
    Annette Freudlinghttps://www.annette-freudling.de
    Studierte Kulturwissenschaften, Anglistik und Germanistik in Bremen. Lokaljournalistin, Redakteurin und Autorin. Privat verortet zwischen Kammerchor, Katzenhaar und Kneipenquiz. Geschichten mag sie am liebsten ohne Bart. Ansonsten findet sie Bärte aber ganz okay.
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