Rotenburger Wirtschaftssenioren – Alt hilft Jung

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    Rotenburg. Manfred Burfeind tippt sich an den Kopf. „Die Festplatte hier oben ist voll – und sie funktioniert“, erklärt er. Helmut Mencke nickt und lacht. Was beide verbindet: Im Laufe ihres Berufslebens haben sie einen reichen Erfahrungsschatz angehäuft. Und genau den wollen sie an Andere weitergeben. Eine Idee, mit der sie keineswegs allein dastehen. Gemeinsam mit diversen Mitstreitern sind sie organisiert im Verein Wirtschaftssenioren Netzwerk (WSN) im Landkreis Rotenburg. Wie alles begann? Darüber berichten Manfred Burfeind (Vorsitzender) und Helmut Mencke (stellvertretender Vorsitzender sowie Schatzmeister) zusammen mit Gerd Hachmöller. Der ist Schriftwart des Vereins und steht – anders als die anderen Mitglieder – noch voll im Berufsleben, und zwar als Leiter Stabstelle Kreisentwicklung im Rotenburger Kreishaus. Er war es, der den Gedanken eines Wirtschaftssenioren-Netzwerks an die Wümme brachte. „Ich hatte damals gerade beruflich im Kreishaus begonnen und wollte dem Chef voll motiviert gute neue Projekte vorschlagen“, sagt er mit einem Lächeln. Doch natürlich handelte es sich nicht um eine fixe Idee, sondern um eine, die andernorts in Deutschland und sogar weltweit schon bestens funktionierte. Interessierte gab es vor Ort genügend und so wurden 2003 die Wirtschaftssenioren im Landkreis aus der Taufe gehoben, die zunächst als Verbund unter der Administration des Landkreises agierten. 2006 erfolgte schließlich die Vereinsgründung – ein Schritt, um nach außen mehr Unabhängigkeit zu demonstrieren, wenn auch die enge Kooperation mit dem Kreishaus bleibt, denn: Die fundierte kostenlose Gründungsberatung der Wirtschaftsförderung ist der Beratung durch die Wirtschaftssenioren vorgeschaltet. Die Neustarter danach langfristiger „an die Hand zu nehmen“, an dieser Stelle kommen die Wirtschaftssenioren – wenn denn vom Gründer gewünscht – ins Spiel, und zwar unabhängig, ehrenamtlich und vertraulich. Pro Beratertag (acht Stunden) werden lediglich 100 Euro fällig. Eine eher symbolische Gebühr, die eingeführt wurde, um dem Ganzen ein Stück mehr Verbindlichkeit zu verleihen. Das erste Gespräch ist dabei kostenfrei.

    Alt hilft Jung, so die Idee. Schließlich haben potenzielle Existenzgründer eine Menge Fragen, bei deren Beantwortung sich die pensionierten Unternehmer aus den Bereichen Handwerk, Banken, Industrie und Handel bestens auskennen und so mit ihrer Berufs- und Lebenserfahrung zur Seite stehen. Einschätzung der Geschäftsidee und Gesamtkonzeption, Kalkulation, Rentabilitätsrechnungen, Gründungsformalitäten, Buchhaltung und Controlling – einige der Themen, die berührt werden können. Warum nicht einfach nur den Ruhestand genießen und die Füße hochlegen? „Wir möchten unser Know-How an die nächste Generation weitergeben und dadurch auch die wirtschaftliche Entwicklung fördern“, erklärt Helmut Mencke die Motivation. „Und die, die frisch starten, müssen ja nicht Fehler machen, die wir vielleicht zu Beginn schon gemacht haben“, ergänzt Manfred Burfeind. Schönrechnerei gibt’s übrigens nicht – die Experten geben eine realistische Einschätzung und erteilen Ideen, wenn nötig, auch einmal Absagen. Ob sich der potenzielle Gründer daran hält oder nicht, bleibt ihm überlassen. „Manche sind leider auch beratungsresistent.“

    Übrigens gibt es ebenso Unterstützung für bestehende Betriebe – etwa für die, die in eine Krise geraten sind, die einem Liquiditätsengpass entgegensehen oder aber die weitreichende Umstrukturierungen planen. Auch die Frage der Unternehmensnachfolge kommt immer wieder auf. Da die Wirtschaftssenioren aus verschiedenen Branchen kommen, gibt’s eine breite Wissensbasis. Manfred Burfeind etwa war Geschäftsführer eines Holzhandels, Helmut Mencke lange im Firmenkundenbereich einer Bank tätig. Ehemalige Steuerberater gehören der Runde beispielsweise ebenso an, Autohändler, Handwerksmeister, Gastronomen, Ingenieure. Auch wenn die eine Menge Infos zu bieten haben – durch Fortbildungen und Netzwerkarbeit halten sich alle weiter auf dem Laufenden, etwa zu Themen wie Social Media, E-Commerce oder Beratungstechniken. Gründer und bestehende Unternehmen – bei der Anzahl der Beratungen halten sie sich die Waage. Zwei bis drei Neuanträge liegen monatlich auf dem Tisch. Fehler? „Viele kommen zu spät“, so die Meinung der drei. In Betrieben, die in Schieflage geraten, werde diese oft zu lange verdrängt. Dort zu helfen, sehen die Experten als soziale Verantwortung – steht neben der Existenz aller Beteiligten schließlich auch die der zugehörigen Familienangehörigen auf der Kippe. Auch bei Neugründungen sei die Finanzierung einer der Knackpunkte. Die Berechnung des eigenen Stundensatzes berge eine weitere Gefahr – nämlich die, sich und seine Arbeit zu günstig zu verkaufen und so die Kalkulation ins Wanken zu bringen. Fragen wie die Absicherung der Familie und zu Versicherungen müssen zudem geklärt werden. Eben bei diesen Fragen, so Manfred Burfeind, können die Wirtschaftssenioren helfen: „Sie könnten mich nachts um 2 Uhr wecken, ich habe das drauf!“

    Fotos: Mark Intelmann

    Wibke Woyke
    Wibke Woyke
    Wibke Woyke schrieb von September 2017 bis Juni 2020 für die STARK.
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