Von Menschen und Wölfen – Wolfcenter Verden

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    Verden. Wenn Frank Faß seine von Hand aufgezogenen Wölfe im Gehege besucht, achtet er darauf, dass er alte Kleidung trägt. Tritt er durch das Gatter, kann alles Mögliche passieren: Vielleicht bleiben die Tiere auf Distanz. Vielleicht wird Faß vor stürmischer Begeisterung beinahe umgeworfen. Oder vielleicht registriert Canis lupus ein Anzeichen von Schwäche beim Wolfcenter-Chef. Dann kann es gefährlich werden.

    Frank Faß erinnert sich an einen solchen Moment im Jahr 2020, als der Respekt, den er in der Wolfsgruppe genießt, einen Moment lang auf der Kippe stand. „Ich war mental nicht auf der Höhe“, sagt er rückblickend. „Da gab es ein paar Dinge, die mich umtrieben: die Belastungen des ersten Lockdowns und die Sterbebegleitung bei einem engen Freund von mir.“ Einer der Wölfe spürte die veränderte Energie, sprang an Faß hoch und drohte ihm mit hochgezogenen Lefzen. „Sie sind so feinfühlig wie Hunde. Aber man muss immer im Hinterkopf behalten, dass es Raubtiere sind. Sie dulden mich nur in ihrem Territorium, solange sie Achtung vor mir haben.“

    Tiere (domestizierte ebenso wie wilde) spielen seit Kindheitstagen eine Rolle im Leben von Frank Faß. Der 47-Jährige wächst in einer Jägerfamilie in Ostfriesland auf. Sein erster Berufswunsch, Pilot, scheitert an einer Rot-Grün-Schwäche. Faß studiert Luft- und Raumfahrttechnik, arbeitet als Konstruktionsingenieur. Eine Reise nach Kanada im Jahr 2005, zusammen mit seiner Frau Christina, stellt das Leben des Paares aus dem Landkreis Verden auf den Kopf. Denn die Begegnung mit freilebenden Wölfen sowie der Besuch des „Northern Lights Wildlife Wolfcenter“ üben eine Faszination aus, die zum Motor wird für ein unternehmerisches Abenteuer: Der Aufbau eines Wolf-Erlebnis-Parks nach nordamerikanischem Vorbild in der eigenen Heimat. Ein Ort, an dem Menschen dem Raubtier begegnen können, um es zu verstehen. Ein Zentrum für Freizeitspaß, Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit.

    „In Deutschland war 2005 gerade das zweite Wolfsrudel eingewandert und der erste Wurf Welpen in Freiheit geboren“, sagt Faß. „Wir konnten uns ausrechnen, was da an Ängsten, Vorbehalten und Interessenkonflikten auf uns zukommt. Vor allem wussten wir: Ein Zurück wird es nicht geben. Der Wolf ist heute streng geschützt. Er ist gekommen, um zu bleiben.“ Ein Wolf-Erlebnis-Park? Diese Idee sei so schräg – die könne nur funktionieren. So beurteilt ein Banker die Faß‘sche Vision, als nach langem Suchen ein geeignetes Grundstück gefunden ist. Im April 2010 öffnet in Barme/Dörverden das Wolfcenter auf dem Gelände der ehemaligen Niedersachsen-Kaserne seine Türen. Grundsätzlich dürfen in Wildparks nur Wölfe gezeigt werden, die schon in Gehegen zur Welt gekommen sind. „Unsere ersten Tiere waren eine ausgemusterte Grauwolf-Gruppe aus der Verhaltensbeobachtung der Uni Kiel, plus sechs Wolfswelpen aus einem Wildpark, die wir von Hand aufzogen.“

    Mit Einsatz und Einfallsreichtum hat sich das Wolfcenter als vielseitiger Erlebnispark etabliert. Aktuell leben elf Wölfe (Europäische Grauwölfe, Hudson Bay Wölfe und Arktische Wölfe), in fünf Gruppen auf der 5,2 Hektar großen Anlage, zu der auch Restaurant, Spielplatz, diverse Übernachtungsmöglichkeiten sowie eine Auffangstation für verletzte freilebende Wölfe gehören. Vor 2020 lockte das Angebot (von „Schaufütterung“ bis „Fotoklappe“, von „Baumhaushotel“ bis „Bei-Vollmond-mit-den-Wölfen-Heulen“) bis zu 40.000 Besucher jährlich nach Barme. Durch die Pandemie gingen die Zahlen auf rund 33.000 zurück. Viel Unterhaltung, viel Aufklärung: Auf diesem Wege werben Christina und Frank Faß dafür, dass die Gesellschaft das wilde Tier als Mitbewohner unserer Landschaften akzeptiert. Gute PR und konstruktive Lösungen für eine konfliktarme Koexistenz hat Canis Lupus heute nötiger denn je. Weil Angriffe auf Nutztiere sich häufen, haben die 157 Rudel, 27 Paare und 19 Einzeltiere in Deutschland (Zahlen aus 2020/21) ein dramatisches Imageproblem.

    Kurz vor unserem Gespräch mit Frank Faß geht erneut eine Schreckensmeldung durch die Presse: Bei einem Wolfsriss in Rade (Landkreis Osterholz) haben 30 Schafe ihr Leben gelassen – und das trotz eines Herdenschutzzaunes, der den Übergriff eigentlich hätte verhindern müssen. Zum Zeitpunkt unseres Treffens hat Frank Faß sich bereits mit dem Vorfall beschäftigt und persönliche Informationen eingeholt. Als Autor des 2018 erschienenen Buches „Wildlebende Wölfe: Schutz von Nutztieren – Möglichkeiten und Grenzen“ ist er Fachmann auf dem Gebiet und wird für seine differenzierte, ausgleichende Sichtweise gelobt.
    Auch im Rader Fall bemüht Faß sich sichtlich um Diplomatie. Keine ganz einfache Übung, denn mit der Darstellung in den Medien ist er alles andere als einverstanden. „Ich halte nichts von Schuldzuweisungen. Aber ich frage mich, wer die Qualität des Zauns überprüft hat, auf 18 Kilometern Deichlänge wohlgemerkt. Wenn der Wolf Erfolg hat, war in den meisten Fällen der Zaun nicht in Ordnung.“ Seine Analyse: „Dieser Übergriff hätte nicht sein müssen.“ Besonders pikant: Besagter Herdenschutzzaun wurde im Rahmen eines Pilotprojekts des Landes Niedersachsen errichtet.
    Im Spannungsfeld zwischen Wolf und Mensch nehmen Jäger und Weidetierhalter eine Schlüsselrolle ein. Das größte Konfliktpotential liegt in der Gefahr des Raubtieres für Schafe, Ziegen, Kälber, Pferde und Ponys sowie für Gehegewild. Für Frank Faß liegt es auf der Hand, dass die bestehenden Maßnahmen zum Schutz der Nutztiere nicht ausreichen. „Dass wir die Weidetiersicherheit gewährleisten müssen, ist anscheinend immer noch ein neuer Gedanke. Allein in Niedersachsen gibt es rund 2,4 Millionen Rinder, 210.000 Schafe und 700 Damwildgehege. Wenn da zwei Leute als Wolfsberater durch die Gegend fahren, können sie gleich zu Hause bleiben. Wir bräuchten einen ganzen Stab an Fachleuten, der die Tierhalter berät.“

    Und die Gefahr für den Menschen? Für spielende Kinder, Spaziergänger mit Hunden, Naturtouristen? Faß ist jemand, der solche Sorgen ernst nimmt. „Das Risiko ist nicht Null. Aber es ist denkbar gering. Das normale Verhalten eines Wolfes in freier Wildbahn ist, sich vom Menschen fernzuhalten. Bei verhaltensauffälligen Wölfen, die keine Scheu vor Menschen zeigen, muss man schon genauer hinsehen.“
    Was ist spannender: Wolf oder Mensch? Auf der Internetseite des Wolfcenters hat Faß akribisch Studienergebnisse und andere Informationen über Wolfsangriffe zusammengetragen. Fakt ist: In Europa hat es in den Jahren 2002 bis 2020 tatsächlich 75 Attacken auf Menschen gegeben, die meisten davon durch an Tollwut erkrankte Tiere in der Ukraine und in Belarus. Gesunde Tiere haben in sechs Fällen Menschen in Polen, Italien und im Kosovo attackiert. Keiner der Übergriffe in Europa endete für den Menschen tödlich. In Deutschland wurde seit der Wiederansiedlung des Raubtieres kein einziger Wolfsangriff auf Menschen registriert.
    Frank Faß ist ein analytischer Typ, der sich detailliert und strukturiert mit den Dingen auseinandersetzt. Und er ist ein Beobachter – nicht nur von Wölfen und ihren individuellen Persönlichkeiten, ihrem schüchternen oder neugierigen, verspielten oder dominanten Sozialverhalten. Genauso aufmerksam verfolgt er die Reaktion der eigenen Artgenossen auf die Tiere: den Umgang einer modernen Gesellschaft mit ihrer wilden Herausforderung. Wie schwer wir uns tun, uns mit Veränderungen auseinanderzusetzen. Nach Kompromissen, gangbaren Wegen, vernünftigen Lösungen zu suchen. „Manchmal weiß ich nicht, was spannender ist: Wolf oder Mensch“, sagt er.

    Das Wolfcenter soll wachsen, das Bauleitverfahren läuft bereits. Auf weiteren fünf Hektar möchte Frank Faß künftig noch andere Caniden zeigen: Fuchs und Marderhund, Goldschakal und Kojote. Bleiben 15 Hektar Ausbaureserve, eine Gestaltungsperspektive für kommende Generationen.
    Es ist spät geworden. Frank Faß verabschiedet sich, um im neuen Wolf-Diorama im Untergeschoss (eine Jagdszene mit Moschusochse) ein paar Beutel Kunstschnee zu verteilen. Zur gleichen Zeit fordert das Niedersächsische Landvolk anlässlich der Rader Schafsrisse, Wölfe zum Abschuss freizugeben.

    Fotos: Arne von Brill

    Annette Freudling
    Annette Freudlinghttps://www.annette-freudling.de
    Studierte Kulturwissenschaften, Anglistik und Germanistik in Bremen. Lokaljournalistin, Redakteurin und Autorin. Privat verortet zwischen Kammerchor, Katzenhaar und Kneipenquiz. Geschichten mag sie am liebsten ohne Bart. Ansonsten findet sie Bärte aber ganz okay.
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